FSJ in Tansania

Jugendfeuerwehrarbeit am Dogodogo Zentrum, Dar es Salaam

Jakob Bosse

- Ein Essay -

Rassismus

Was geht uns das an?

Vorbemerkung

Der Schwarze versucht mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu erreichen, dass der Weiße ihn nicht länger als exotische Rarität betrachtet, sondern als menschliches Wesen anerkennt. Das ist ein überaus aufwühlender und schwieriger Prozess, denn hinter der Unbefangenheit des Weißen steckt eine Menge Willenskraft. Die meisten Menschen neigen von Natur aus weder zur Reflexion noch zur Bösartigkeit, und daher hält der Weiße den Schwarzen lieber auf einem gewissen menschlichen Abstand, weil es so leichter für ihn ist, seine Unbefangenheit zu bewahren und der Möglichkeit aus dem Weg zu gehen, dass man ihn für die Verbrechen seiner Vorfahren oder Nachbarn zur Rechenschaft zieht. Trotzdem ist ihm völlig bewusst, dass er eine bessere Stellung in der Welt einnimmt als [People of Color], und er kann auch den Verdacht nicht ganz ausräumen, dass er deshalb von ihnen gehasst wird. Er möchte nicht gehasst werden, aber er möchte auch nicht mit ihm tauschen, und an diesem unangenehmen Punkt sucht er notgedrungen bei allerlei Legenden Zuflucht, die die Weißen über die Schwarzen in die Welt gesetzt haben. Kein Wunder, dass er sich dabei sozusagen in der Sprache verstrickt, mit der er die Hölle und auch die Eigenschaften beschreibt, die zur Hölle führen: schwarz wie die Nacht. [1]
James Baldwin — 1951
James Baldwin, Bildquelle: <a href='https://commons.wikimedia.org/wiki/File:James_Baldwin_37_Allan_Warren.jpg'>Allan warren</a>, <a href='https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0'>CC BY-SA 3.0</a>, via Wikimedia Commons

Diese Worte sind 70 Jahre alt. Ich weiß nicht, ob es das besser macht, oder schlimmer? Bevor ich jedoch einsteigen will, eine Trigger-Warnung vorweg. Mit vorliegendem Exkurs in die Welt des Rassismus, in unsere Welt, will ich aufzeigen, wie das Weltbild, welches ich mir anhand von Bildern, Texten und Themen, die mir begegneten gebildet habe durchflochten ist von rassistischen Mustern. Ich möchte ungern sagen, dass ich ein Rassist bin und ich möchte dies auch niemand anderem unterstellen. Vielmehr hoffe ich, dass ihr Leser:innen eventuell es euch selbst zu unterstellen in Betracht zieht. Ich wünsche für diese Reflexion viel Kraft. Haltet den Schwarzen nicht mehr auf Distanz und erinnert euch an die Verbrechen der Vorfahren, aber auch der Nachbarn. Wer lieber seine Unbefangenheit bewahren will, der halte nicht nur von BPoC, sondern auch von diesem Text Abstand. Es ist das Privileg der Weißen, sich nicht mit Rassismus auseinandersetzen zu müssen.

Schwarz und Weiß

Bevor ich anfange eine Bemerkung zu den verwendeten Begriffen. Schwarz und Weiß bezeichnen soziale und politische Konstruktionen. Sie beschreiben nicht die Hautfarbe, sondern die Position als diskriminierte oder privilegierte Personen. Des weiteren ist Schwarz auch eine emanzipatorische Selbstbezeichnung. Daher wird sie hier stets groß geschrieben.

Eine große Baustelle

Lange habe ich gewartet diesen Text in Angriff zu nehmen. Dieses Thema in Form eines Textes in Angriff zu nehmen. Durchzukneten und zudenken, auszupressen um eine Essenz zu erhalten. Doch dieses Thema, es ist groß und unglaublich verstrickt historisch bis heute. Zu diesem Thema gehört die Tatsache, dass ich noch nie von der Polizei kontrolliert wurde genauso, wie die Tatsache, dass Matiullah Jabarkhil, Amad Ahmad, William Tonou-Mbobda und Rooble Warsame in den vergangenen 2 Jahren Opfer der Polizei wurden. [2] Dazu gehört auch, dass ich sehr selten seltsame Blicke auf mich ziehe, dies für People of Color (PoC) jedoch der Standard ist. Dazu gehört auch, dass es der Großteil der weißen Deutschen es vorzieht, diskriminierende, ja verachtende Beschreibungen für Black and People of Color (BPoC) in Kinderbüchern nicht zu ersetzen. Gleiches gilt für Straßennamen. Dazu gehört auch ... noch sehr viel mehr, zum Beispiel Entwicklungszusammenarbeit, die ihrem Namen kaum gerecht wird.
Doch warum habe ich nun solange gewartet mit dem Schreiben dieses Textes und warum habe ich es dennoch seit einem halben Jahr vor? Neben der ungeheuerlichen Größe und Schwere dieses Themas ist auch die Tatsache, dass ich ein weißer heterosexueller Mann bin, ein Grund für meine Zögerlichkeit. Als Zugehöriger dieser Gruppe bin ich von keiner Form der Diskriminierung betroffen, kann also aus eigener Erfahrung höchstens davon berichten, wie ich andere Menschen diskriminiert habe. Meine Auseinandersetzung mit dem Rassismus ist rein theoretischer Natur.
Doch warum habe ich es dennoch vor einen Text diesem Thema zu widmen? Da es „eine der größten und gewalttätigsten Formen des weißen Privilegs ist [...], Rassismus ignorieren zu können“, [3] wie es Alice Hasters auf den Punkt bringt.

Alice Hasters, Bildquelle: <a href='https://commons.wikim
		edia.org/wiki/File:Alice_Hasters_2020-10-13.jpg'>Reclus</a>, CC0, via Wikimedia Commons

Mooooment mal... Höre ich empörte weiße Stimmen rufen. George Floyd, die rechtsextremen Chatgruppen der Polizei und dieser... der Afrikaner, der in der Zelle verbrannt ist. ich weiß, was da Widerliches passiert ist. Von Wegen ich ignoriere Rassismus. Jalloh heißt "der Afrikaner". Oury Jalloh. Um diese Stimmen zu beruhigen, möchte ich Hasters Aussage ein wenig einschränken. Abgesehen von dem offenen Rasissmus, der ohne größere Anstrengung als menschenverachtend erkannt werden kann, ist es das weiße Privileg, ihn ignorieren zu können.
Nun kann ich diesen Ausspruch auf zwei Ebenen verstehen. Einerseits als Ausspruch einer BPoC, die sich den täglich hunderten rassistischen Nadelstichen ausgesetzt fühlt, ohne etwas dagegen tun zu können. Wenn ich mir vorstelle, wie viel angestaute Verzweiflung, wie groß das Gefühl des ungerecht behandelt Werdens sein könnte, um zu so einer Aussage zu kommen, könnte das allein schon genug sein, mich dazu zu bewegen, für eine gerechtere Welt einzutreten. Mich heroisch zu brüsten und für eine gerechte Welt zu kämpfen. Wie Superman, Flash oder Iron Man. Oder die Helden (ganz bewusst ohne Genderstern) aus 13 years a Slave, Django Unchained, Avatar, Green Book, Lincoln und Matrix. »White Saviorism« Der weiße Retter, (wieder ganz bewusst ohne Genderstern) auch ein Symptom des Rassismus.
Daher gibt es noch die zweite, sehr viel weitreichendere Lesart Alice Hasters Aussage. Ich kann sie schlicht als Tatsache ansehen. Ich verstehe Rassismus nicht nur als menschenverachtenden Hass gegenüber PoC — der vor allem in den USA, bei uns aber nur am rechten Rand (und bei jedem sechsten Polizeibeamten) gefunden werden kann — sondern vor allem als ein historisch gewachsenes System, welches den Weißen Privilegien bereitet; sie höherwertig einstuft.
Als Weißer kann ich nun eine BPoC verprügeln und sagen ich sei kein Rassist, aber ... mein Land und sowat. Und eventuell werde ich auch nicht als Rassist bezeichnet, sondern einfach nur als Rechtsextremer. Ich kann diese Privilegien für naturgegeben hinnehmen, ab und zu mit einer Nadel nach einer PoC stechen, dies nicht bemerken und mich über Rassismus empören. Oder ich kann mich kritisch mit dem Thema Rassismus beschäftigen, einerseits sehen, wie viele potenzielle Nadelstiche ich PoC versetzen kann und andererseits welche Privilegien ich dem Rassismus verdanke. Und eines dieser Privilegien ist es, dass ich die Wahl zwischen den eben skizzierten Positionen und einer Vielzahl mehr habe.

Eine Systemische Baustelle

Mehrfach wurde nun deutlich, dass Rassismus weit mehr als offener Hass ist. Dieser offene Hass, als Rassismus bezeichnet, könnte verkannt werden als beliebig, gegen irgendeine „Rasse“ gerichtet zu sein. So zum Beispiel würde ich nicht von Rassismus sprechen, sollten die Namibianer:innen alle in Namibia lebenden Deutschen diskriminieren. Diese besitzen fast die Hälfte des namibianischen Ackerlandes [4] allein wegen der kolonialen Vergangenheit. (Ich hätte daher vollstes Verständnis für eine solche Handlung) Doch warum wäre das kein Rassismus? Die Diskriminierung richtet sich doch gegen eine spezifische Volksgruppe, die sich anhand ihrer weißen Hautfarbe, von der mehrheitlich Schwarzen namibianischen Bevölkerung unterscheidet. Hinter dieser Art der Diskriminierung stünde keinerlei Ideologie, nach der die Namibianer:innen in irgendeiner Form besser seien. Dahinter stünde auch keine geschichtliche Dimension, die es so aussehen ließe, als seien die Namibianer:innen zu mehr berufen, als die weiße Minorität in Namibia. Dahinter stünde auch keine Gegenwart, in der es Namibianer:innen aus quasi allen Perspektiven besser ginge als der weißen Minorität. Kurz gesagt, dahinter stünde kein weltweit wirkungsvolles System des Rassismus, welches historisch gewachsen ist und die heutige Welt geformt hat und weiterhin bestimmt. Und innerhalb dieses Systems ist es schnurzpiepegal, wenn eine PoC sagt, Schwarze seien die besseren Menschen. Diese Aussage würde auf keinerlei Echo stoßen; auf keine weltumspannende Ideologie, die vor einigen Jahrhunderten in die Welt gesetzt wurde und sich seitdem hartnäckig wie Unkraut in der Welt hält. Die Umgekehrte Aussage — Weiße seien den Schwarzen überlegen — stößt jedoch auf ein großes Echo, auf fruchtbaren Boden. Auch wenn die Rassen-Ideologie bereits von den meisten Menschen als solche erkannt und für unwahr befunden wird, — schließlich würde niemand von sich sagen, ein Rassist zu sein — so bleibt sie doch wirkmächtig und wird immer wieder reproduziert.

Eine erlebbare Baustelle

Mein eindrücklichstes Erleben des Rassismus hatte ich in Tansania. Dort wurde ich unangenehmer Weise als Urbild für einen Europäer gesehen. Gebildet und reich. Auf der anderen Seite dieses Bildes steht das des armen und ungebildeten Afrikaners. Das zu hören war für mich ein bitterer Offenbarungsmoment. Bitter persönlich für mich, da ich als Weißer es gewohnt bin, als Individuum betrachtet zu werden. BPoC haben dieses Privileg nicht a priori. Offenbarend, da er mir zeigte, dass Rassismus tatsächlich ein Weltumspannendes Macht-System ist. Bis dato war ich naiv genug zu glauben, dass Rassismus nur dort zu finden sei, wo die Mehrheitspopulation weiß ist. Doch das stimmt, wenn überhaupt, nur für denn offenen Rassismus, die Verbrechen aus rassistischen Motiven.
Verzweifelt, dieses rassistische Weltbild der Jugendlichen im Dogodogo Zentrum zu bestätigen, wünschte ich all die minderbemittelten und Vollidioten, die Unfähigen und Asozialen etwas mehr Farbe in das Bild des Europäers bringen sollten.

Chimamanda Ngozi Adichie, Bildquelle: <a href='www.magzter.com/article/Womens-Interest/Vanidades-Mxico/Chimamanda-Ngozi-Adichie-La-Olra-Cara-De-Africa'>

The Danger of a single Story — Die Gefahr einer Einzigen Erzählung — Nennt nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie das Problem. In ihren ersten Geschichte tranken ihre Charaktere ginger Beer und unterhielten sich über das Wetter. Weder kannte Sie, noch jemand in ihrer Nachbarschaft Ginger Beer, außer aus den Romanen, die sie lasen. Und über das Wetter lohnte es sich auch nicht zu reden. Sonne halt. Aber in den Geschichten, die sie las, tranken die Charaktere nun mal auch ginger Beer und unterhielten sich über das Wetter. Das war die einzige Geschichte, die sie las. Nochmal und nochmal. Immer und immer wieder. Hoch und runter. Ergo war dies die Wahrheit. Figuren in Büchern trinken ginger Beer und reden über das Wetter.

Die einzige Geschichte, die wir von Afrika hören ist die der hungernden Kinder. Und es ist erschreckend, dass es für einen derartig riesigen Kontinent nur eine Geschichte gibt. Okay es gibt noch eine zweite Geschichte. Löwen, Giraffen, schöne Landschaft und Natur.
Mein Erstaunen war groß, als ich mich im Laufe meiner zeit im Dogodogo Zentrum immer mal wieder in einem Hinterhof sitzend fand. Zusammen mit ein paar Philosophie Studenten und Father Maliti ein Gläschen Wein oder Bier genießend über Nietzsche und ob Gott tot sei diskutierend.
Das möchte ich nur am Rande bemerken, um eine weitere Geschichte aus Tanzania zu erzählen und den Blick zu differenzieren. Bemerkenswert ist, dass es wenige solche Geschichten gibt, die das Bild von Afrika ausdifferenzieren. Aus einer rassismuskritischen Perspektive erscheint die einzige Geschichte des armen Afrikas wiederum schlüssig. Schließlich lässt sich daraus die weiße Überlegenheit folgern, die wiederum Entwicklungshilfe — Ich spreche bewusst nicht von Entwicklungszusammenarbeit, da eine Zusammenarbeit bislang kaum gängige Praxis ist — ideologisch durchzieht und einst zur Rechtfertigung der Kolonisation diente. Mit dem erzählen der "afrikanischen" Erfolgsgeschichten würde die weiße Vorherrschaft erschüttert.

Zurück zu der einzigen Geschichte, die die meisten Tansanier:innen von einem Europäer haben. Die typischen „weltwärts“-Gänger:innen, haben Abitur und kommen mehrheitlich aus dem gehobenen Mittelstand wie ich. Das Bild der Europäer, was wir Freiwillige in den Gastländern hinterlassen ist also keineswegs ein ausgewogenes. Doch sind die Freiwilligen sicherlich nicht die verheerendsten Bilder. Andere Bilder sind die USAID-Sticker auf den Schulcomputern, „von dem amerikanische Volk“ (USAID — From the American people) Da könnte ja auch drauf stehen, „sorry for enslaving your ancestors“.(Entschuldigt die Versklavung euer Vorfahren) Oder: „In exchange for your resources“ (Als Tausch für eure Ressourcen)
Natürlich ist die Aussage der Aufkleber nicht falsch. Schließlich wurde die Computer von den Steuergeldern der Amerikaner:innen gekauft und Tansanischen Schüler:innen zur Verfügung gestellt. Doch in rassismuskritischen Ohren klingt die Aussage in etwa so: „Von den großzügigen Amerikaner:innen für euch arme Tansanier:innen“ Wäre unsere Gegenwart geschichtslos, wäre auch nichts rassistisches an dieser Aussage. Dennoch wäre sie nur ein Teil, der immer und immer wiederholte Teil der Wahrheit. Erinnern wir uns außerdem zurück an die Zeit der Missonierung und Kolonisation, so müssen wir erkennen, dass es damals die selbe Haltung war, mit der Verbrechen scheinbar gerechtfertigt wurden. Meine Vorfahren sind nach Tansania, pardon Deutsch-Ostafrika gegangen und den Vorfahren der Jugendlichen, die in mir den gebildeten und reichen Deutschen sehen, als besser gebildet, wohlhabender und mit der richtigeren Religion gegenüber getreten. Ganz selbstlos hatten sie das Ziel den Menschen effizienteren Ackerbau beizubringen und die bessere Religion zu lehren. So lauteten die offiziellen Begründungen. Doch was tatsächlich geschah, waren die ersten Verbrechen an der Menschlichkeit im 20. Jahrhundert.
Mit der Geschichte im Bewusstsein möchte ich fragen, ob es legitim ist mit der selben Haltung noch einmal den afrikanischen Staaten gegenüberzutreten. Ist es legitim die ganze Entwicklungszusammenarbeit (EZ) als wohltätigen Zweck darzustellen und mit Taktiken wie der good governance, unsere scheinbar überlegenes System den Empfängerländern aufzuzwingen? Hat der globale Norden in Anbetracht der Geschichte nicht eine moralische Verpflichtung zu Wiedergutmachungen? (Ich möchte nun nicht darüber philosophieren, ob der angerichtete Schaden überhaupt wieder gut gemacht werden kann.) Zum Beispiel könnte die BRD ihre Staatsbürger in Namibia des Landes enteignen und das Land an Namibia zurückgeben, da die Deutschen Kolonisatoren allein durch illegitime Wege an das Land gekommen sind. Dies wäre ein symbolträchtiger Schritt der Bundesregierenung, die Verbrechen, die während des Kolonialismus begangen wurden, anzuerkennen und sich als Nachfolger des Kaiserreiches auch in der Verantwortung zu sehen. Meiner Meinung nach ist es ein notwendiger, wenn auch nicht hinreichender Schritt, damit die EZ aus ihren rassistischen Mustern ausbrechen kann. Erst wenn der Kolonialismus und die einhergehende Ideologie der weißen Überlegenheit als ein Verbrechen angesehen werden, können die problematischen rassistischen Kontinuitäten in ihrer verbrecherischen Natur erkannt werden.

Macht

Eine zentrale Kontinuität ist die Deutungsmacht. Zu Zeiten des Kolonialismus haben die Kolonialisatoren die Kultur und Geschichte der afrikanischen Länder als unbedeutend und minderwertig gedeutet, was ein Grundstein für die Kolonisation war. Heute wird die Geschichte des Kolonialismus an sich wiederum als unbedeutend gedeutet. Zumindest die verbrecherischen Teile. Zu dieser These komme ich, da wie bereits gesagt, die Verbrechen nicht als solche anerkannt werden. Ein Beispiel hierfür ist der Völkermord an den Herero und Nama. Ein anderes Beispiel sind verschiedenen Straßennahmen zu ehren von Kriegsverbrechern, wie sie nach geltendem Kriegsrecht genannt werden müssten. Auf der anderen Seite stehen auch noch rassistische Begriffe zur Bezeichnung von BPoC auf einigen Straßenschildern und in einigen Kinderbüchern. Auch hier ist es eine Frage der Deutungsmacht, die die weiße Mehrheitsgesellschaft nicht hergeben will. Mir wurden Argumente entgegengebracht, dass das N-Wort einen Bedeutungswandel durchgemacht hätte und nicht als diskriminierend angesehen werde. Aus Sicht eines Weißen. Zum einen gibt es viele Schlüssige Argumentationen, dass dieser Begriff und Begriffe wie „Farbige“, „Schwarzafrikaner“ und „Mohren“ eindeutig diskriminierend sind. Schließlich stellt sich die Frage, was diese Begriffe aussagen. Sie geben in keiner Weise die Herkunft der bezeichneten Personen wieder. Sondern beziehen sich allein auf die Hautfarbe und haben vor allem im Zusammenhang der völlig hirnrissigen Rassentheorie Karriere gemacht. Auch hat das N-Wort eine nähe zu dem Begriff „Nigger“, der explzit auch die soziale Stellung als Sklave bezeichnete. [5] Zum anderen kann man doch sehr einfach in Erfahrung bringen, ob ein Begriff diskriminierend ist oder nicht, indem man die potentiell Diskriminierten fragt. Die Einzige Schwierigkeit ist, dass diese vermutlich mehrheitlich es satt sind immer und immer wieder über solche grundlegenden, aber irgendwie doch banalen Dinge zu diskutieren, da es so viele deutlich spannendere Fragen in Bezug auf Rassismus gibt. Ich bin mir sehr sicher, dass es keine Black Person of Color gibt, die sich von dem N-Wort nicht diskriminiert fühlt. Sonst würden sie sich nicht als BPoC bezeichnen. Der Akt, für sich als Gruppe eine Bezeichnung zu suchen, ist ein Schritt der Emanzipation, die Deutungsmacht über die eigene Gruppe in die eigene Hand zu nehmen. Dadurch haben sich die BPoC zum handelnden Subjekt gemacht und sind nicht mehr Objekt weißer Deutungsmacht. Zugespitzt könnte man darin auch einen Angriff auf die weiße Deutungsmacht sehen.
Als Angriff, so ist mein Eindruck, wird es gesehen, wenn es darum geht, dass rassistische Begriffe durch neutrale ersetzt werden sollen. Im Fall der bereits mehrfach erwähnten Kinderbücher finde ich das einfachste Argument für eine Umbenennung der diskriminierenden Begriffe, dass es auch BPoC gibt, die ihren Kindern diese Kinderbücher vorlesen wollen, weil sie die Geschichten schön finden. Sie wollen sich und ihre Kinder aber nicht zutiefst verletzenden Begriffen aussetzen. Und auf der Gegenseite habe ich bislang nur das Argument gehört, dass durch eine solche Umbenennung der literarische Wert zerstört würde. Mir fällt nicht viel ein, außer zynisch zu antworten, wenn der literarische Wert eines Werkes in dem vermitteln eines rassistischen Bildes besteht, dann ist er es wert zerstört zu Grunde zu gehen. Aber bei allen Kinderbücher, die mir einfallen, ist es aus meiner Sicht von einem literarischen Standpunkt aus irrelevant, ob statt eines diskriminierenden Begriffes ein Rassismus sensibler Begriff verwendet wird. Und wenn Literaturkritiker:innen of Color sich der Sache annehmen, bin ich mir sicher, dass es eine kleinigkeit für sie ist, diskriminierungsfreie Begriffe zu finden. Die Kinderbücher würden dann nicht nur für weiße Kinder und Eltern, sondern auch für BPoC lesenswert, und würden keine Personengruppen stigmatisieren oder diskriminieren.

Ich bleibe kurz bei dem Begriff „Neger“. Eigentlich würde ich annehmen, dass jedem klar ist, dass der Ausdruck «Neger» heute als explizite Diffamierungsvokabel fungiert und im öffentlichen Sprachgebrauch außer bei Rechtsextremen vermieden wird. (Sabine Wierlemann, Political Correctness in den USA und in Deutschland, Erich Schmidt Verlag, 2002, S. 194.) Wer daran Zweifel hegt, dem empfehle ich einen Blick auf die Wikipedia Seite „Neger“. Neben Sabine Wierlmanns Zitat, werden dort eine Vielzahl anderer Dissertationen und Lexika-Einträge zitiert, die zu einem ähnlich eindeutigen Schluss kommen. Ich will mich also nicht mit derartig kleinlichen Fragen beschäftigen, aber dennoch einen neuen Aspekt einbringen, der gegen eine unbedachte Verwendung des N-Wortes spricht. Es ist Strategie der Neuen Rechten Grenzen des Sagbaren zu verschieben um rassistische wie fremdenfeindliche Muster in die Mitte der Gesellschaft zu bewegen. [6] Hierfür ein Beispiel ist Nikolaus Kramers Verhalten. Als Vorsitzender der AfD-Fraktion im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, hat er mehrfach den Begriff "Neger" in Zwischenrufen verwendete, da er sich "nicht vorschreiben [lasse ...], was hier Schimpfwort sei oder was nicht" Auch aus diesem Grund sollte jede:r sich überlegen, ob er oder sie Kinder an das N-Wort als unproblematisch gewöhnen will. So, wie ich hoffe, dass sich auch jede:r überlegt, ob er oder sie auf Demos geht, die teilweise von der Neuen Rechten und Rechtsextremen instrumentalisiert sind.
„Es reicht nicht aus, ‚kein Rassist‘ zu sein. Wir müssen Antirassisten sein“ Konstatiert Frank Walter Steinmeier als Reaktion auf das Bekanntwerden rechtsextremistischer Gruppierungen in der Polizei. Und ich kann mich der Aussage nur anschließen. Ich selbst würde nicht von mir sagen wollen, kein Rassist zu sein, da ich — aufgewachsen in einem System, welches seine Wurzeln im kolonialistisch-rassistischen Sumpf geistiger Umnachtung verklärter Aufklärer hat — mir nicht sicher sein kann, wann ich BPoC rassistisch behandle. Ich würde jedoch gerne den Titel Antirassist für mich in Anspruch nehmen. Vorliegendes Schriftstück würde ich gern als Bewerbungsschreiben angesehen sehen.

Rassismus erfordert Gegenposition, Gegenrede, Handeln, Kritik und – vielleicht am schwierigsten – Selbstkritik, Selbstüberprüfung. Antirassismus muss gelernt, geübt und gelebt werden. [7]
Frank Walter Steinmeier — Juni 2020

Verlassen wir nun die Makrokosmische Ebene und wenden uns den konkreten Auswirkung des Rassismus auf BPoC zu. Eine der ersten ausführlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema, die ich gelesen habe, war James Baldwins Essay "Fremder im Dorf". In den 50er Jahren geht er auf kleinen Straße im Schweizer Bergdorf Leukerbad. Ein paar Kinder, auf der Straße spielend rufen ihm "Neger, Neger" hinterher. Ein anderes, im Kinderwagen liegend, fängt bei seinem Anblick an zu weinen. Er war bereits im vergangenen Sommer hier und Jede:r kennt ihn beim Namen, den niemand verwendet. Ein älterer Mann kommt mit ihm ins Gespräch, er empfiehlt ihm, sein Haar wachsen zulassen, um daraus einen warmen Wintermantel zu machen. Andere Männer tuscheln hinter seinem Rücken, er habe Feuerholz gestohlen. Abends geht James Baldwin in sein Hotel und setzt sich an seine Schreibmaschine. Er ist hergekommen, seinen Roman, „Go and tell it on the mountain“ zu beenden. Doch ihm drängt sich ein anderes Thema auf.

... dieses Dorf, selbst wenn es noch unvergleichlich abgeschiedener und unglaublich primitiver wäre, ist der Westen, ein Westen, dem ich auf seltsame Weise aufgepfropft wurde. Unter dem Gesichtspunkt der Macht können diese Leute nirgendwo auf der Welt Fremde sein; sie haben die moderne Welt letztendlich geschaffen, selbst wenn sie sich dessen gar nicht bewusst sind. Auch die Ungebildetsten unter ihnen haben auf eine Art, die mir verwehrt ist, eine Beziehung zu Dante, Shakespeare, Michelangelo, Aischylos, da Vinci, Rembrandt und Racine; die Kathedrale von Chartres bedeutet ihnen etwas, was sie mir nicht bedeuten kann, so wie es sicher auch das Empire State Building tun würde, falls jemand von hier es je zu Gesicht bekäme. Aus ihren Kirchenliedern und Tänzen gingen Beethoven und Bach hervor. Vor wenigen Jahrhunderten hatten sie ihre Blüte erreicht – ich aber war in Afrika und sah die Eroberer kommen.
James Baldwin — 1951
Teju Cole, Bildquelle: <a href='https://commons.wikimedia.org/wiki/File:TejuCole02(86th%26Lexington10_7_13).JPG'>Wes Washington</a>, <a href='https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0'>CC BY-SA 3.0</a>, via Wikimedia Commons

60 Jahre später folgt Teju Cole einer Einladung nach Leukerbad. Mit im Gepäck hat er eine Ausgabe von „Notes of a Native Son“ in dem Baldwins Essay abgedruckt ist. Er geht auf Spurensuche und will wissen, inwieweit er Baldwins Haltung dem Bergdorf gegenüber teilen kann. In diesen 60 Jahren ist viel passiert. Leukerbad ist deutlich gewachsen und Cole ist nicht die einzige BPoC. Ein älterer Schwarzer arbeitet im Spa und auch die Kellnerin ist dunkelhäutig. Es läuft Musik von Bessie Smith. Überall finden sich in der Kultur der Weißen Facetten des Schwarzen Lebens. Frisuren, Kleidung, der Gang. HipHop, House und Afro Beat ergaben sich aus dem Blues und Jazz. Das alles durchzieht die westliche Kultur, nur nicht die Bürde des Schwarzen. Und auch geschichtlich will Teju Cole die Rolle der Schwarzen nicht auf die reduzieren, die die Eroberer kommen sahen. Die Erfolge des Mali Reichs, die Bronzegußverfahren im 14. Jahrhundert, die damals in Europa vergessen waren. Die egalitäre Organisation der Igbo und die Bronzen von Benin. Nur um Schlaglichter zu geben. Cole will weder Shakespeare Sonette der Yoruba Dichtung vorziehen, noch anders herum. Er nennt das Alles mit Freuden seines. Schließlich kann [er] gegen weiße Vorherrschaft sein und [s]ich trotzdem für die gotische Baukunst begeistern. Aber den Wunsch nach Leben, nach dem ganzen Leben hat auch Teju Cole. Die gleiche schwelende Wut über Rassismus hat auch er im Leib. Schwarz zu sein bedeutet bevorzugtes Ziel selektiver Strafverfolgung zu sein und psychisch in einem prekären Zustand zu leben, der körperliche Unversehrtheit nicht garantieren kann. Und dann bemerkt Teju Cole noch etwas. Eine Aussage, nein ein Kunstgriff, der mein rassistisches Weltbild demaskierte. Mich erst überraschte und dann über diese Überraschung in Schrecken versetzte. Du bist zu aller erst ein Schwarzer Körper und erst dann ein junger Mann, der die Straße entlang geht, oder ein Harvard Professor, der seine Schlüssel sucht. Warum stolpere ich über den Professor of Color? Und bin ich ich der Einzige, dem es so geht?

Schwarze Profesor:innen kommen nicht vor in der Welt der Weißen. Genausowenig wie Klimaaktivist:innen of Color. Doch sie gibt es in der wahren Welt. Warum jedoch gibt es sie nicht in der weißen Welt? Im Fall der Klimaaktivist:innen kann ich zwei Bespiele nennen. Beispiel 1, sie wurde aus dem Foto geschnitten. Beispiel 2, nur Fotos ohne sie wurden öffentlich. Es geht beim ersten Beispiel um die ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakate, die zusammen mit vier Europäischen Klimaktivistinnen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos war. Natürlich gab es ein Fotoshooting, doch in der Bildredaktion von Associated Press wurde das Foto zurecht geschnitten und aus kompositorischen Gründen verschwand Vanessa Nakate. Auf dem Bild, dass danach um die Welt ging, war weder sie zu sehen, noch wurde ihr Kontinent, der von der Klimakrise bislang am meisten betroffene, repräsentiert. [8]
Das Zweite Beispiel betrifft Tonny Nowshin, die Zusammen mit einer kleinen Gruppe von Aktivist:innen protestierte sie am 20. Mai gegen die Inbetriebnahme des Kohlekraftwerks Datteln 4. Auf den Bildern, die Greenpeace Deutschland von der Aktion veröffentlicht sind alle weißen Klimaktivistinnen zu sehen. Tony Nowshin nicht. [9]

Was sich zeigt, Rassismus ist kein Symptom des rechten Randes. Und man muss nicht rassistischen Ideologien anhängen um rassistisch zu handeln. Man muss kein Rassist sein um rassistisch zu handeln, es genügt weiß zu sein. Und daher „reicht [es] nicht aus, ‚kein Rassist‘ zu sein. Wir müssen Antirassisten sein“
Ich musste wieder an Teju Coles Essay, „Schwarzer Körper“ denken, als ich von den Vorfällen hörte.

Das Fazit des Tages (alt und zugleich so heiß brennend wie eine frisch geschlagene Wunde) lautet, dass schwarze [...] Leben – das sagen uns Polizei, Rechtsprechung, Wirtschaft und zahllose Gesten der Missachtung – entbehrlich sind. Es gibt eine muntere Inszenierung von Unschuld, aber tatsächliche Unschuld existiert längst nicht mehr. Die moralische Bilanz ist so weit im Minus, dass wir die Frage der Reparationen gar nicht stellen können.
Teju Cole
  1. Deutschlandfunk - Essay und Diskurs: Fremder im Dorf, von James Baldwin, 01.01.2020
  2. Frankfurter Rundschau: Polizeigewalt und Rassismus in Deutschland: Oury Jalloh war kein Einzelfall, von Valerie Eiseler, 19.08.2020
  3. Deutschlandfunk: Warum weiße Menschen so gerne gleich sind, von Alice Hasters, 19.01.2020
  4. piqd - Fundstücke: Wie Deutsche heute noch in Namibia von Apartheid-Strukturen profitieren, von David Kretz, 24.05.2018
  5. Wikipedia: Nigger, von RoswithaC, Boris Fernbacher ..., 20.09.2020
  6. Frankfurter Rundschau: „Die extreme Rechte fantasiert einen Kriegszustand herbei“: Die Rechten und die Sprache, von Natascha Strobl, 31.07.2020
  7. Epoch Times: Steinmeier: „Es reicht nicht aus, ‚kein Rassist‘ zu sein. Wir müssen Antirassisten sein“, von afp, 16.06.2020
  8. Klimareporter: Unsichtbar, von Susanne Schwarz, 01.02.2020
  9. Klimareporter: Die Klimabewegung hat ein Rassismusproblem, von Tony Nowshin, 07.06.2020