FSJ in Tansania

Jugendfeuerwehrarbeit am Dogodogo Zentrum, Dar es Salaam

Jakob Bosse

- Ein Versuch über die Gegenwart -

Haben wir eine Chance?

Die Zerstörung der Menschheit

Glauben sie daran, dass wir es noch schaffen? Vor fünfzig Jahren bereits nannten Willy Brandt es die Aufgabe der Epoche, „den Zusammenbruch unseres Ökosystems zu verhindern“ [1] Seit dem sind die CO2 Emissionen um fast das dreifache[2] gestiegen. Glauben sie daran, wir als Menschheit können es noch schaffen die Klimaapokalypse zu verhindern? Ist es uns möglich ein holozänartiges Anthropozän zu erreichen, eine Zukunft in der die Erde zumindest dem ähnelt, was wir heute sehen?

Vor weniger Tagen las ich einen Kommentar von Jonathan Franzen mit dem nicht sehr aussichtsreichen Untertitel: The climate apocalypse is coming. To prepare for it, we need to admit that we can’t prevent it. Seit dem geistert in meinem Kopf die Frage umher, wird die Welt, die ich mit 80 Jahren sehen werde der ähneln, die ich heute sehe? Oder werde ich auf hochgerüstete Grenzanlagen und blutige Kämpfe um Trinkwasser auf der anderen Seite dieser Anlagen blicken? Diese umhergeisternde Frage, die wie ein Clown hinter jeder Ecke zu lauern scheint ist banal und kalt: Ist es noch zu schaffen? Und ich wage mich kaum sie jemandem zu stellen, schließlich will ich nicht als Schwarzmaler dastehen. Doch in den Augen von Jonathan Franzen wäre ich dann schlicht Realist, der nicht mehr versucht durch Worte wie, "wir schaffen das", die Realität zu verweigern.
Und überhaupt, wer ist Wir?

1980 wurde die von US-Präsident Jimmy Carter in Auftrag gegebene Studie "Global 2000" veröffentlicht. Es war die Rede von einem Temperaturanstieg um zwei bis drei Grad in den mittleren Breitengraden bis 2050. [3] Heute träumen wir nur noch davon, dass wir den Temperaturanstieg global gesehen auf nur zwei Grad bremsen könnten. Außerdem sprechen wir nicht mehr davon, dass der Meeresspiegel schrittweise ansteigen könnte. Die Gewissheit haben wir bereits. Das Eis in der Anarktis schmilzt sechs mal schnellen als in den 80er Jahren. [4] Und selbst wenn ab heute die Globale Temperatur nicht mehr steigen würde, müssten sich die Polkappen erst akklimatisieren. Das heißt sie würden weiter schmelzen, da jeden Sommer mehr schmilzt, als im Winter wieder zufrieren kann. Dramatischere Auswirkungen hat vermutlich aber das Schmelzen der Permafrost-Böden. Denn dadurch taut organisches Material auf, das anfängt sich zu zersetzen und dabei Methan frei setzt. In der gleichen Menge trägt Methan 25 mal mehr zum Treibhauseffekt bei, als Kohlendioxid. Das Aufheizen unseres Planeten fängt also bereits an sich selbst zu beschleunigen. Willi Brandt sagt dazu: "Man sollte daraus die Lehre ziehen, dass es insgesamt schon viel später ist, als wir denken möchten" Bzw. das sagte er vor 50 Jahren bereits, generell über die Klimaproblematik aus. Ich bin mir jedoch sicher dass er mir nicht böse ist, wenn ich ihn in diesem Zusammenhang zitiere.
Ich hoffe, dass ich eben nicht allzu viel Neues für Sie gesagt habe. Als Quintessenz daraus möchte ich noch anmerken, dass die Voraussagen, wie wir das Klima verändern in den vergangenen Jahrzehnten keineswegs angenehmer wurden. Stattdessen stellt sich in mir eine immer größer werdende Gewissheit ein, dass alle Voraussagen, die wir heute treffen, morgen übertroffen werden. Der Dachstuhlbrand des Hauses der Menschheit hat schon längst im Keller angefangen zu schwelen.

Die Wissenschaft — gibt es die Wissenschaft überhaupt, vielleicht mit, ach, tausend Seelen in ihrer Brust — ist sich schon seit Jahrzenten einig, dass wir ein Klimaproblem haben. Aber auch meint sie, dass es theoretisch noch nicht zu spät sei, ein holozänartiges Anthropozän zu schaffen. Theoretisch. Theoretisch ist der BER auch schon vor 3 Jahren fertig geworden. Und Theoretisch wird Stuttgart 21 auch dieses Jahr fertig. Theoretisch wurde für beide Projekte nur halb so viel Geld ausgegeben. Theoretisch würde jede Brücke, die in Deutschland gebaut wurde auch mit deutlich weniger Material standhalten. Doch schon bei der Planung planen die Bauplaner, dass die Praxis nicht zu planen ist und nicht ganz der Theorie entspricht. Nicht selten werden Bauprojekte nicht nur Doppelt so stabil gebaut, wie errechneter Weise nötig, sondern zig Male stabiler.
Wo sind diese Sicherheiten beim Umgang mit der Klimakrise? Irgendwo zwischen 2 und 3 Grad vermute ich die Grenze zwischen einem holozänartigem Anthropozän und einem Anthropozän in dem es verschärfte Verteilungskämpfe und dem Aussterben von verschiedenen Tierarten, dem Kollaps von Ökosystemen kommen wird. Und das Ziel, welches inzwischen sogar theoretisch nur schwer zu erreichen ist, heißt, den Temperaturanstieg auf 2 Grad zu begrenzen. Viel Luft nach oben bleibt nicht.

Nach dem "theoretisch möglich" der meisten Wissenschaftler*innen folgt daher immer auch ein: "wenn". Darauf Wörter wie: "jetzt, Ruder, sofort, schnell, rumreißen, handeln, ändern, zack zack, fundamental, umdenken etc." Und die Politiker*innen feiern Pakete in denen eine auf den kleinsten gemeinsamen Nenner eingekochte Idee mit viel Plastiknoppenfolie verpackt ist. Von Umweltverbänden und der Industrie wird diese Idee dann verbal beschossen, hält aber wegen der buntbedruckten Umverpackung stand. Und auch wir Bürger*innen empören uns. Was die schon wieder mit unserer Stimme angestellt haben, die wir an sie vor drei Jahren abgegeben haben.

Dass wir alle vier Jahre unsere Stimme abgeben, macht es natürlich auch bequem. Getrost können wir dann unmündig gegen das Versagen der Politik wettern. Stimm- und Verantwortungslos. Die Frage lässt sich also auch so stellen: "Ist es in einer Demokratie möglich ein Problem wie die Klimakrise zu lösen?" Und dabei vergesse ich auch, dass Deutschland nur einer von vielen Staaten ist. Politik klebt Pflaster auf blutende Wunden. Doch bei der Klimakrise haben wir es mit einer Sepsis, die durch eine innere Entzündung entstanden ist, mehr als einer blutenden Wunde zu tun. "Ist es noch möglich diese Blutvergiftung so aufzuhalten, dass unser Planet und unsere Gesellschaft nicht mehr als vielleicht ein paar Zehen und die vorderen Fingerglieder verliert?"

Gott sei dank konnten wir in den letzten Wochen beobachten, dass er — obwohl wir in einem Land der Atheisten nicht mehr an ihn glauben — nicht ausgestorben ist. Und Gott scheint sich um seine Schöpfung zu sorgen, sandte uns daher den weisen Alleinherrscher Corona. Dieser zwang quasi von heute auf morgen den ganzen Flugverkehr zu Boden und schickte alle systemunrelevanten Personen wie Partymacher, Kreuzfahrtveranstalter, Messebauer, Werbedesigner etc. nach Hause. Student*innen kauften für die Großelterngeneration ein. Urlaub gibt's nur im Heimatland. Gott hat uns einen unübersehbaren Wink mit dem Zaunpfahl gegeben. Expert*innen rechnen damit, dass erst in fünf Jahren die Flugindustrie auf ihr präcorona Stand kommen wird, was kann ich mehr als ein Freudentänzchen im Namen der Menschheitszukunft vor dem 63 Zoll 4K 3D Fernseher zu veranstalten? (Ja, ich hätte eventuell mit dem 59 Zoll Full HD Fernseher zufrieden sein können, aber ich meine, ich bin diesen Sommer nicht nach Neuseeland, sondern nur nach Malle geflogen, da kann ich mir doch schon was gönnen.)
Egal, weiter im Text. Bei dem Diktator waren wir. Der Diktator, der deutlich effektiver als die Demokratie darin ist, unsere Zukunft zu schützen. Aber wollen wir einen Diktator brauchen? Nur weil wir unsere Demokratie vor der Herausforderung der Klimakrise kapitulieren sehen? Diese Forderung kann nur entstehen in einer individualisierten Gesellschaft, in der jede*r sich und seinem neuen smartphone der oder die Nächste ist. In einer Gesellschaft in der Verantwortung und Stimme an ein regierendes Element abgegeben wird. Sei es freiwillig und ungefähr seinem eigenen Willen entsprechend in einer Demokratie, oder unfreiwillig und eventuell entgegen dem eigenen Willen in einer Diktatur. Individualisierung, ist das nicht auch ein Euphemismus für: "Verlust des Wir"?

Von der Banalität des Bösen sprach Hannah Arendt im Eichmann Prozess. Und es ist die gleiche Banalität, die nun unsere Lebensgrundlage zu Grunde richtet. Ein*e Jede*r spielt nur brav mit in dem System des Wachstums. Mehr Follower, neuere Gadgets, mehr Geld, mehr Urlaub auf der anderen Erdhalbkugel, größere Bequemlichkeit, mehr Mobilität — natürlich gern in grün, mit den ach so klimafreundlichen, weil elektronischen Rollern, die von amerikanischen Konzernen in unsere Innenstädte gekippt werden. So ganz atheistisch und aufgeklärt ist leider niemand. Der Glaube an den alles-regelnden Markt, das unendliche Wachstum wird nur sehr zögerlich von mehr als nur Außenseitern angezweifelt. Obwohl schon vor fast einem halben Jahrhundert eben dieses Wachstum durch den Club of Rome [5] klare Grenzen gezeigt wurden. Doch seit diesen 70er Jahren ist in Sachen Lebensgrundlagenschutz — ich denke dieser Begriff ist weniger irreführend, als Klimaschutz — nicht viel passiert. Aber wie hätte auch etwas passieren sollen. Jede*r etwas besser gestellte Bewohner*in einer Industrienationen führt schließlich ein schönes Leben, was sollte er oder sie daran geändert haben wollen? Es ist das Problem, dass das Böse so banal ist, wie ein Elektroauto als grünen zweit Wagen zu kaufen. Von millionen von Individuen je eines. Und für diese Millionen von E-Autos werden ungeheure Mengen an Lithium benötigt, die nicht vom Himmel fallen, sondern in Südamerika aus dem Boden geholt werden. Das Böse passiert, wenn dadurch massiv das Grundwasser kontaminiert wird [6], das die Einwohner zum Ackerbau und zur Viehzucht brauchen. Eben so banal ist es über vier Mausklick den Urlaub nach Spanien zu buchen. Theoretisch fährt dort ein Zug hin, doch schneller geht es mit dem Flieger. Flieger, allein das Wort trägt diese Leichtigkeit mit der ein*e Mittelschichtsbürger*in innerhalb eines Wimpernschlages zack, von Frankfurt nach Madrid fliegt. Und dabei tonnenweise Kerosin verbrennt und CO2 in die Atmosphäre pustet. Einfach. Banal. Und wie Eichmann kann ein*e jede*r getrost sagen, wenn ich es nicht mache, dann macht es halt jemand anderes. Ich gebe mir ja Mühe, wenigsten den Fernseher nicht in den Standby, sondern aus zu schalten. Nicht immer natürlich, bin ja keine Maschine. Wenn zwei Weizen und die Chips mich um zehn nach zwölf träge gemacht haben, dann ist das einfach nicht mehr zumutbar, einen Umweg an der Glotze vorbei zu machen, wenn doch ein Griff zum Zapp-o-mat genügt. "Es irrt der Mensch, so lang er strebt" das hat der Herr höchst persönlich zu Mephisto gesagt.

Das Problem ist größer, als es ein politisches Pflaster lösen könnte. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Ich als Bürger kann also sagen, es ist unser Problem. Nicht mein Problem, denn alleine kann ich kaum etwas erreichen. Doch wie kann es unser Problem sein, wenn es nur das Wir der Populisten gibt? Nur das Wir der Welt- und Wutbürger?, Nur das Wir der Patrioten? Das Wir der Liberalen und der Konservativen?

Was würde passieren, wenn jedes Individuum vor dem Fernseher sitzend, meinetwegen auch mit zwei Weizen im Kopf, darüber nachdenkt, was passieren würde, wenn es jetzt im gleichen Augenblick mit 80 Millionen anderen Individuen aufsteht und den Fernseher ganz ausschaltet. Wie eine ungeheure Masse an Individuen, zum pluralen Wir verschmelzend aus dem Sessel sich emporhebt und gen Fernseher marschiert, nur um dafür zu sorgen, dass dieser nicht im Halbschlaft nie zu Ruhe kommt. Und dann, nachts, stürtzt ein Stausee in den Alpen nicht den Berg hinunter um in tosendem Brausen eine Turbine anzutreiben, die alle diese rastlosen Fernseher, Handys, PCs, Tablets und Laptops zu versorgen, die mit einer ununterbrochen leuchtenden LED sagen: "uns gibts auch noch" . Theoretisch, wenn wir alle uns ab sofort vor jedem Pfurzen überlegen, ob es das wert ist, damit die Atmosphäre zu belasten, können wir noch ein dystopisches Anthropozän verhindern. Praktisch fehlt mir leider der Glauben daran, dass so etwas möglich ist, mir fehlt also dann doch die Energie mich aus meinem Ledersessel zum Fernseher aufzumachen.

Zurück zu der Frage, die ich als mit nein beantwortet sehen muss. Was würde nun passieren, wenn wir aufhörten so zu tun, als könnten wir ein apokalyptisches Antropozän verhindern? Ich kann nur für mich sagen, das macht mich verzweifelt und wütend. Und sobald diese Wut eine große ist, keine kleine flüchtige, mit der nächsten Tafel Schokolade verschwindende. Dann kann ich mit dieser ausdauernder Kämpfen rücksichtsloser auf Verluste, entbehrungsreicher. Dann denke ich vielleicht tatsächlich über jeden Furz nach. Über jede Tafel Schokolade die ich kaufe oder besser nicht? Und wie es sein kann, dass ich dafür nur 69 Cent zahlen muss. Dann ist es nicht mehr weit dahin, zu erkennen, dass der Preis nur möglich ist, weil in Togo Kinder an statt in die Schule zu gehen, mit einer Machete bewaffnet auf die Kakaoplantage gehen. Sie wissen gar nicht wie Schokolade schmeckt, da sie das wenige Geld an die Mutter geben, die davon Reis aus Indien kauft, weil dieser der günstigste ist. Vielleicht kommt bei diesem Gedanken so etwas wie Menschlichkeit auf. Das Gefühl, dass meine Welt nicht wie im Mittelalter an den Grenzen meines Dorfes aufhört. Nicht, wie im 17. Jahrhundert, nicht über die Grenzen des Fürstentums hinausreicht. Sondern dass heute meine Welt so groß ist, wie der Umkreis, aus dem die Waren kommen, die ich kaufe. Wenn ich erkenne, was der Salzsee in Argentinien mit dem neuen E-Bike zu tun hat. Wenn ich weiß, was die Wassermassen, die aus dem Stausee in die Tiefe Stürzen mit der Standby Leuchte meines Laptops zu tun haben. Wenn ich mir bewusst bin was die vier Mausklicks mit den Ungeheuren Mengen an CO2 zu tun haben, dann...
Dann... Ja was eigentlich? Vielleicht sehe ich dann wieder einmal ein, dass wir die Apokalypse nicht verhindern können, weil ich eigentlich schon immer davon wusste, es dann aber einfach wieder vergessen habe, wenn ich im Apple Store stand. Vielleicht sehe ich dann ein, dass es die Menschheit wert ist zu Grunde zu gehen. Vielleicht sehe ich dann ein, dass das junge Mädchen in Bangladesch mehr mit meinem Leben zu tun hat, als die Oma, die in der Wohnung über mir wohnt, und der Nachbarin, die täglich ihren Sohn in die gleiche Schule fährt wie ich. Dann habe ich vielleicht ein besseres Bild von dem holistischen Problem der Klimakrise. Und vielleicht möchte ich dann gerne vor dem Jungen, der die Kakaobohnen für meine Schokolade erntet auf die Knie fallen und ihn um Entschuldigung bitten, dass ich mir die Schokolade nur leisten kann, weil er das Pech hat in Togo geboren zu sein und ich das Glück in einer mittelständigen Deutschen Familie. Und wenn ich dann mutig bin sage ich ihm auch, dass er nicht mehr träumen muss davon, dass er sich auch irgendwann Schokolade leisten wird können, da er in 40 Jahren kaum mehr Wasser finden wird um Gemüse anzubauen. Schließlich werde ich ihn vielleicht fragen, wie er es schafft unter solchen desolaten Zuständen friedlich mit seinen Nachbar*innen zu leben. Denn ich weiß, dass die fetten Zeiten verpufft sind und uns härteres Klima erwartet. Härteres gesellschaftliches Klima. Und er wird mir antworten: "Bruder, wir sind doch alle eine Familie." Denn Er weiß, dass der Mensch nicht egoistisch ist, jedoch der Glaube daran ein selbsterfüllende Prophezeiung.[7]

  1. Deutschlandfunk Kultur Mehr Demokratie wagen: Eine Vision und was aus ihr geworden ist, von Mathias Greffrath, 16.10.2019
  2. Statista Weltweiter CO2-Ausstoß in den Jahren 1960 bis 2018, Stand Dezember 2019
  3. Deutschlandfunk Global 2000 – Der Bericht an den Präsidenten, von Dagmar Röhrlich, 17.11.2014
  4. BR Wissen Schmelzende Polkappen: Dünnes Eis in Arktis und Antarktis, 30.11.2019
  5. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Lexikon der Wirtschaft: Grenzen des Wachstums, 2016
  6. Deutschlandfunk Lithium Abbau in Südamerika - Kehrseite der Energiewende, von Susanne Götze, 30.04.2019
  7. Deutschlandfunk Altruismus der Mensch in Zeiten der Katastrophe, von Andreas von Westphalen, 19.07.2020