FSJ in Tansania

Jugendfeuerwehrarbeit am Dogodogo Zentrum, Dar es Salaam

Jakob Bosse

- Eine Erzählung -

Gezählte Tage

Kwa heri?

Die gestundete Zeit

Ingeborg Bachman

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Das aufziehen der Uhr

Ich sitze im kleinen roten Suzuki auf dem Weg zum Samaki (Fisch essen). Neben mir Father Maliti. Es ist Montag, kurz nach sieben. Stunde eins, wie sie auf Kiswahili heißt. Mir ist noch nicht bewusst, dass es meine vorvorletzte "tansanian massage"[1] sein sollte. Kurz später sitze ich an dem Tisch und bestelle ein Serengeti Bier. Ich weiß noch nicht, dass ich den namengebenden Flecken Erde auf unbestimmte Zeit nicht sehen würde. Dann geht unser Gespräch weiter. In der Themen Auswahl sind wir nicht kreativ. Corona war schon seit einigen Tagen in aller Munde und begleitet so auch uns. Mit der Sorglosigkeit der Unbetroffenen unterhalten wir uns etwas amüsiert über die weltweite Panik wegen eines Erkältungsvirus. Nun geht Father Maliti zur Küche, um sich zu erkundigen, welche Arten von Fisch es gebe. Ich schaue auf mein Handy. Ein Blick der unter millionen von routinemäßigen Blicken aufs Handy nichts Besonderes sein sollte. Ich befand mich ohne mein Zutun in einer neuen Gruppe eines Messengers. Auch der Titel dieser Gruppe zeigte noch nichts von dem Schrecken, den diese in meine Welt brachte. Ich bin noch dabei diese Nachricht zu verarbeiten, als Father Maliti und mit ihm unser ehemals lockeres Gespräch über panicking people zurück kommt. Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, bis ich die panicking people thematisch plötzlich in meine Nähe rücke und ihm sage, ich werde zurück geholt – vermutlich. Genaueres will ich nicht sagen, zu unglaubwürdig wirkt mir die Quelle: Whatsapp Gruppe. Nicht ein mal einen ehrlichen Titel wie: "Super GAU", oder "Kein Scheiß" trägt sie. Father Maliti wählt keine andere Methode, als die bereits angewandte, um auch diese Nachricht zu verarbeiten. Unser Gespräch geht also von außen betrachtet erheitert weiter. Nur dass ich nicht draußen, sondern plötzlich tief in mir drinnen bin. Die Pausen des Schweigens werden länger. Irgendwann entschuldigt sich Father Maliti für sein Lachen, nicht dass er es lustig finde, oder über mich lache, er könne es einfach nicht fassen. Dies geschieht, nachdem ich bereits eine etwas vertauenswürdigere, aber nicht hoffnungsvollere Email bekommen habe, die die Nachricht bestätigte.

Ich solle zurück geholt werden, wie ein Kind vom Spielplatz, um das sich die besorgten Eltern kümmern wollen, da es keine warme Jacke an hat. Mein Flug sei schon angefragt. Ich weiß nicht wie schnell, aber plötzlich tickt eine Uhr. Gegen die Zeit wurde sie mir eingetauscht.

Irgendwann merke ich, dass von schneller fließendem Serengeti die Uhr auch nicht langsamer tickt. Widerwillig sehe ich mich die Realität anerkennen. Mein Homo Faber meldet sich zu Wort. Was kann ich noch schaffen in den letzten Tagen? Zwei Dinge treten in mein benebeltes Bewusstsein. Mein Resident Permit, was vor einer Woche bezahlt wurde und auf Abholung wartet, und ein Mercedes L1113, der auf Unterleghölzern steht, in denen sich Termiten wohl fühlen. Ich habe vor Monaten angefangen, an diesem die Bremsanlage zu reparieren und hierzu die Räder, Bremstrommeln und halb die Bremsbacken demontiert. Ein apokalyptisches Bild eines Feuerwerhfahrzeuges, welches weder auf Unteleghölzern, noch auf Rädern steht, macht sich in mir auf einer Leinwand breit und findet großes, erschrecktes Publikum. Mein erster Reflex: Räder dran. Doch dann meldet sich die Zwangsneurose mit der deutschen Gründlichkeit. Es braucht "nur" vier neue Dichtungen für die zwei Bremszylinder. Und etwas neue Bremsflüssigkeit. Dann sollte das Fahrzug theoretisch fahren.
Als ich Father Maliti meinen Plan mitteile, morgen nicht nur zum immigration office, sondern auch nach Kariakoo auf die Suche nach neuen Dichtungen zu gehen, ist er mal wieder amüsiert. Er hat noch nie so wirklich daran geglaubt, dass ich das Fahrzeug zum fahren bringen würde, lediglich glaubt er an Wunder und unterstützt mich daher. (Meine steile These zu seinem Verhalten)

Später am Abend stelle ich mich der tickenden Uhr zum Trotz und nehme mir Zeit zum Tagebuch schreiben.

Ich weine. Eben steckte ich mir eine Pfeife an. So voll wie nie. Den ersten Zug hinunter. Dort wo das Bier hinfloss. Ich bin ausgeliefert. Der Faden, den ich mir in die Zukunft knüpfte wurde abgeschnitten und fängt im Jetzt an auszufransen. Alles, was ich dran geknüpft, entweder mit ihm hinabgefallen, oder überm Abgrund schwebend, an den letzten Fransen hängend. Plötzlich habe ich nicht mehr die Zeit, sondern wieder die Uhr. Bekomme ich die Bremsen noch fertig? Ich muss.
Bislang ist kaum ein Tag hier vergangen ohne ein Gedanke an ein nächstes Jahr [hier]. Und nun? Der Rauch meiner Pfeife macht Kunstwerke in dem Wohnzimmer, welches ich nicht mehr lange bewohnen werde.

Was an dem Abend noch geschieht:

Tag 1/3

Ich stehe auf und packe mein Rucksack für die Reise ins Stadtzentrum. Danach gehe ich zum Frühstücken und fange das Lügen an, es gehe mir gut und so'n Scheiß. Bevor ich nach dem Essen aufbrechen kann, bin ich noch kurz behilflich ein technisches Problemchen zu lösen. Dann sitze ich fast zwei Stunden im Dalladalla, dem öffentlichen Bus. Ich steige irgendwo in Kariakoo aus. Keine Ahnung wo, keine Ahnung wo der Laden ist, zu dem ich will. Also frage ich den Nächstbesten, der in einem Ladeneingang sitzt. Ich drücke ihm die Karte des Ladens in die Hand und fühle mich dadurch selbst in guten Händen. Ein Anderer hat kurz danach den Ladenbesitzer am Handy und erfährt, wo sich der Laden befindet. Ersterer führt mich dann quer durch Kariakoo, frägt drei mal andere Menschen nach dem Weg und liefert mich schließlich vor dem Laden ab. Traurig, dass dies mein letzter Besuch in Kariakoo sein soll. Der Laden hat zwar nicht die Dichtungen für die Bremszylinder, aber ich bin in der Stadtteil von Kariakoo, in der es nichts anderes als Ersatzteile für Fahrzeuge gibt. Ich bekomme sie in einem Laden, zwei Straßen weiter. Ärgerlicher Weise erzähle ich dem Käufer, dass es sich um ein Mercedes handelt, den ich als Mzungu[3] reparieren will. Ich zahle einen utopischen Preis von umgerechnet sechs Euro pro Dichtung, und ärgere mich auch nur deshalb darüber, weil ich den Preis vor Father Maliti rechtzufertigen habe.

Nach einem gemütlichem Mittagessen und meiner letzten Fahrt auf einem Motorradtaxi sitze ich im Dalladalla zum immigration office. Ich genieße die öffentlichen Verkehrsmittel. Ich kenne nichts Praktischeres als Motorräder als Kurzstrecken-verbindungs-Taxen Als ich aussteige und nach dem Weg frage, habe ich eine sehr nette Begegnung. Eine gemeinsame Sprache öffnet sehr einfach die Tür zu menschlichen Begegnungen. Jeder Mensch scheint mir heute sagen zu wollen, dass ich hier zuhause sei. Und so fühle ich mich auch, nur dass ich gleichzeitig fremd geworden bin, da ich merke, dass der Arm meines Staates mich schon am Handgelenk fasst.

Könnten Herzen in Hosen rutschen, dann hätte es meines getan, als der immigration officer sich für die Fingerabdrücke und das Porträt bedankt und mir sagt, ich könne das permit nächsten Dienstag abholen. Kurz später sitze ich dann in einem kleinen Restaurant und trinke Soda. Es fühlt sich so an, als würde mein Herz schleichend langsam auf der Z-Achse nach oben, an seinen ursprünglichen Platz zurück wandern. Permit: Pech gehabt.

Um fünf Uhr, Stunde elf nach Sonnenaufgang, lacht Father Maliti mal wieder ungläubig. Diesmal darüber, dass ich die Dichtungen bekommen habe. Stunde elf einhalb: Ich liege unter der Hinterachse des Mercedes. Ich denke darüber nach, dass ich vorallem gelernt habe, Schrauben zu lösen. Ein Acetylen-Sauerstoff-Brenner zusammen mit dieselverdünntem Motoröl waren meine besten Helfer beim Schrauben Lösen. Nun schraube ich also sehr viele Schrauben wieder fest, die ich zu reinem Lehrzweck löste. Ich ärgere mich ein wenig, warum ich das nicht schon vor Tagen gemacht hatte, schließlich war ich damit, sie zu Lösen, auf dem Holzweg. Aber konnte ich wissen, dass ich so plötzlich das Projekt beenden will?
Ich friemel Bolzen wieder an ihre richtige Position. Strom ist zurzeit nicht da. Ich habe eine Taschenlampe im Mund, während ich mich unter die Hinterachse begebe. Halb kriechend, halb hangelnd an dem Fahrgestell habe ich einen Gabelschlüssel in der Hand. Nun versuche ich den mit dem Unterkiefer den Lichtkegel auf die Mutter zu richten um sie festzuziehen. Ich fühle mich wie ein Actionheld in jedem zweiten Blockbuster. der noch genau fünfzig Minuten hat, um das Fluchtfahrzeug zu richten. Der einzige Unterschied, bei dem Helden ist es von vornherein klar, dass er erfolgreich sein wird.

Stunde eins: es gibt Abendessen. Auch hier tickt die Uhr. Reis mit Bohnen und Spinat. Es ist ein leckeres Essen, was ich hier schon seit Monaten esse, warum schlinge ich es plötzlich so in mich hinein? Danach kümmere ich mich wieder um meinen zu vollen Kühlschrank und nehme mir ein Bier in die Werkstatt. Da ich jetzt wieder saubere Hände habe, beginne ich damit die Bremszylinder mit den neuen Dichtungen zusammen zubauen. Der Strom ist glücklicherweise wieder da. Ich vermisse nichts an meinem Actionhelden-Daseinsgefühl. Ich kann wieder anständig arbeiten.
Stunde drei. Ich baue zwei Lichtmasten auf. Und grabe einen verstaubten Flutlichstrahler aus. Ich traue mich fast nicht die Steckdose anzuschalten, als alles verkabelt ist. Den 1000 Watt Strahler habe ich nicht genommen, ich hoffe, dass der jetzige nicht so viel Wumms hat und die Leitung nicht durchbrennt. Es geht gut und ich habe nun auch genügend Licht unter dem Auto, um die letzten Bolzen einzusetzen und mit der Brechstange in ihre Positionen zu drücken. Ich fühle mich stümperhaft aber effektiv.
Es ist gegen Stunde vier. Nun, da die Bremsbacken und alles Andere wieder sitzt wo es soll, baue ich die Bremszylinder ein und verschraube die Bremsleitungen. Plötzlich komme ich mir wie ein Verrückter vor, warum sollte ich jetzt noch weiter machen? Ich könnte doch auch ausschlafen und morgen die Bremstrommeln und Räder drauf schrauben. Ich sehe die ganze Arbeit vor mir, die Bremsbacken feinzujustieren, so, dass sie möglichst wenig Weg bis zur Bremstrommel haben und möglichst schnell greifen, jedoch ohne vorher zu schleifen. Da ich das Gefühl schon kenne, verrückt zu sein, kriegt mich das nicht unter. Ich mache weiter, kippe Bremsflüssigkeit nach und pumpe die Zylinder und Leitungen damit voll. Dann montiere ich die zwei Bremstrommeln provisorisch mit nur zwei Radmuttern, um die Bremsbacken zu justieren. Ich weiß nicht wie spät es ist, aber ich mache eine markerschütternde Entdeckung. Die Handbremsmechanik ist so schwergängig, dass die Bremsbacken nach dem Bremsen von der Feder nicht mehr zurück gedrückt werden, sondern weiterhin die Bremstrommel halten. Nun wäre der Zeitpunkt aufzugeben. Ich weigere mich jedoch. Ich hätte ohnehin nicht die Zeit, auch noch die Handbremsmechanik zu reparieren, daher hoffe ich auf ein Wunder, und stümper weiter.
Ab ins Fahrerhaus, den Karren anschmeißen. Einkuppeln und losfahren, ach nein, ich stehe noch auf den Termitennestern und habe auch noch keine Räder angebaut. Sollte ich halbwegs erfolgreich gewesen sein, so erwarte ich nun, dass der Motor am Existenzminimum zu stottern beginnt, wenn ich die Bremsen drücke. Und das macht er auch. Mit wenig Kraft und kurzem Weg bekomme ich das Laufen des Motor an seine Existenzgrenze. Ich bin ja nicht herzlos, also würge ich ihn nicht ab, es genügt mir zu wissen, dass ich es problemlos könnte.
Schon vor einer kleinen Weile habe ich Imar, den Ziegenhirte und Imar den Massay gefragt, mir zu helfen, die Bremstrommeln und vor allem Räder zu montieren. So mache ich mich nun sichtlich aufgeregt daran, die vier massigen Räder zu montieren und komme nochmal richtig ins Schwitzen, was ich aber kaum wahrnehme. Schon vor Monaten hat sich in meinem Gehirn ein Prozess entwickelt, der für diese Wahrnehmungsschwäche verantwortlich ist. Dieser Prozess regelt die Signale meiner Nasen-Rezeptoren weit herunter, wenn es sich um so starke Signale handelt, die einen gesunden, europäisch zivilisierten Menschen um sein Bewusstsein bringen würden.

Kurz vor Stunde sechs. Mein Puls steigt. Alle 16 Muttern habe ich festgezogen, die Vorhängeschlösser vom Schiebetor entfernt, das Werkzeug aus dem Weg geräumt. Der Weg ist frei, raus in die Nacht. Ich Steige ein und umgreife das große Lenkrad. Der Schlüssel steckt schon, ich drücke den An-Knopf. Freudig springt der Karren an und läuft ruhig mit einem zufriedenen Röhren. Mit noch höherer Herzfrequenz trete ich die Kupplung und merke, dass es sich um einen großen und alt-ehrwürdigen Karren handelt. Ich lege einen Gang ein und lasse die Kupplung kommen. Sehr spät und mit viel Geruckel greift sie schlließlich. Ich vermute, dass die klemmenden Handbremsmechanik daran schuld ist. Erst sehr viel später sollte ich erfahren, dass ich im dritten Gang angefahren bin, da der Erste sich zusammen mit dem Rückwärtsgang versteckt hält. Doch ich fahre, was will ich mehr? vielleicht noch ein zweites Licht. Auch als ich das Fernlicht anschalte ist nicht viel mehr zu sehen. Daher bin ich froh, mit dem anderen Feuerwehrfahrzeug schon ein bisschen auf dem Gelände unterwegs gewesen zu sein und ich somit die gefährlichen Löcher kenne. Bevor ich weiter fahre trete ich zunächst nochmal auf die Bremse. Es bremst. Gut! Ich fahre in Richtung Fussballwiese und holpere über den Weg. Es kommt Unglaube mit Begeisterung auf. Ich fahre. Noch vor drei Tagen hatte ich vermutet, dass es dazu vielleicht in ein paar Monaten kommen würde, wenn überhaupt. Ich bin überrascht von der Agilität, mit der dieser alte Mercedes noch fährt. Es ist unglaublich. Ich bin auf dem Fussballacker angekommen und trete nun auf den Stempel, beschleunige, trete die Kupplung und lege den nächsten Gang ein. Kuppeln bekommt eine ganz andere Dimension. Ich habe richtig etwas zu tun, herrlich. Dann trete ich beherzt auf die Bremse und erschrecke wie auch Imar, als plötzlich manche Kleinigkeiten durch den Karren fliegen. Doch in meinem Fall ist es ein durchweg positiver Schrecken. War nicht genau dies mein Ziel? Bevor ich weiter und zurück fahre, schalte ich das Blaulicht ein. Wenn schon eine nach Ärger riechende Aktion durchführen, dann auch richtig. Auf die Hupe verzichte ich, obwohl ich ohnehin schon das Gefühl habe, das halbe Zentrum aufzuwecken.

Tag 2/3

Nach der ersten erfolgreichen Fahrt Ich kann es gar nicht glauben, dass ich bereits fuhr, jetzt, so früh schon. Father Maliti kommt in meine Werkstatt und schaut mich entgeistert an. Kommt nun der Ärger, den ich durch meine nächtliche Spritztour provozierte? Nein sage ich mir und er fragt einfach nur "Wie?" Woraufhin ich ihm antworte, dass Fahrzeug sei gesund. Sein Blick verändert sich von verdutztem Unglaube zu begeistertem Unglaube.

Was an dem Morgen noch geschah:

Ein Tag mit Kopfschmerzen

Ich stehe auf; nicht so wie immer. Ich merke, dass ich mich nun nicht mehr lange weigern kann, meinen Wohnung, mein Zuhause einzuklappen. Also fange ich langsam an. Ich klappe den Koffer auf, betrachte Alles, was ist und nicht mehr sein soll. Zögerlich lege ich die ersten Dinge in den leeren Koffer. Es fühlt sich falsch an. Lange halte ich es nicht durch, dann gehe in meine Werkstatt, wo das Aufräumen leichter fällt, da es kein Einpacken bedeutet.

Ich esse Ugali mit Bohnen und Blattgemüse. Ein vorletztes Mal. Um mich herum sitzen viele ahnungslose Schüler. Für sie sind die Folgen der Angst vor dem Tod weniger Menschen, noch weit weg. Und in mir macht sich die schmerzende Realität breit, dass ich ihnen jene Folgen der Angst in Kürze präsentieren darf. Wie schnell kann ich das Bild hinterlassen, jetzt, wo es ernst würde, klein bei zu geben. Der reiche Europäer, der das sinkende Schiff verlässt.

Ich stehe vor den Schülern und versuche ruhig zu bleiben. An den schmerzenden Kopf habe ich mich gewöhnt. Als relative Ruhe herrscht, beginne ich zu sagen, dass ich schlechte Nachrichten habe, ich in zwei Tagen abreisen werde. Ich blicke in entsetzt ungläubige Gesichter. Ich versuche deutlich zu machen, dass dies auch gegen meinen Willen geschieht. Nun scheint die Zeit scheint kaltherzig stehen zu bleiben. Noch nie war ich in einer Situation, so wenig zu wissen, was ich nun machen solle. Ich setze an zu sagen, wir können ja mit dem Englisch beginnen. Ein billiger Einfall, der zum Moment wie die Faust aufs Auge passt. Ich fange an rumzudruksen und höre ich mich schließlich die Frage nach Fragen zu Corona stellen.
Ich bin erstaunt, wie geordnet die Fragen nacheinander kommen, da dies nicht der Unterrichtsstil ist, den sie gewöhnt sind. Ich spüre, wie groß die Wissbegierde ist und bin heilfroh, dass ich inzwischen mit meinem Kiswahili die Fragen beantworten kann. Es ist jedoch eine Freude mit fadem Beigeschmack.

Selten habe ich meine Kücke so gut ausgelastet, doch für diesen Abend hat es sich gelohnt Stunde elf (nach Sonnenaufgang). Ich sitze auf meiner Haustürschwelle. Hier habe ich schon unzählige Male mit Blick auf die Bananen Plantage gefrühstückt. Und so wie jetzt, habe ich hier auch schon häufig Kartoffeln geschält. Es waren jedoch noch nie so viele. Um meinen mit Getränken gefüllten Kühlschrank nicht alleine zu leeren und um mich ein wenig zu verabschieden, habe ich eingeladen. Später sollte ich froh sein, dass Father Maliti immer beschäftig ist und nicht kommt. Es wurde ein Abend auf Kiswahili, voller Gemütlichkeit und mit vielen kurzen Freuden. Auch hier zieht das Motiv vorbei, dass ich mich in der Sprache und Kultur zuhause fühle. Ich bin froh um die etwas alberne und angeheiterte Stimmung in der Corona fast ausschließlich in Witzen bedacht wird. Irgendwie muss es ja auch hirnrissig für meine Gäste wirken, dass ich nun zur Sicherheit in ein Land mit tausenden Infizierten geholt werden soll. Kommend aus einem Land, in dem sich die Menschen sehr viel weniger bewegen, es also sehr lange dauern würde, bis auch ich ein paar Corona-Hüsterchen abbekommen würde.
Pommes mit zwei Soßen in tansanischem Stil gegessen Sie versprechen mir, dass das Flugzeug ein Defekt haben werde, oder der Flug gestrichen würde. Ich freunde mich schnell mit dem Gedanken an, hoffe darauf, dass dann Tansania möglichst schnell seine Grenzen dicht machen würde.
Ich bin eben mit meinen Freunden von der Bar zurück gekommen und sitze nun in meinem Wohnzimmer und fühle mich fremd, wie schon öfter heute. Ich bin selber nur noch ein Gepäckstück, das darauf wartet in dem noch leeren Koffer zu verschwinden. Mein Haus ist zum Lager geworden, welches ich neuerdings ab und zu mit ein paar hilflos wütenden Tränen der Verzweiflung fülle.

Tag 3/3

Ein Tag mit Bauchschmerzen

Es ist der letzte Tag, an dem ich noch etwas machen kann. Morgen werde ich einfach nur noch ausgeflogen. Also stelle ich mich dem Unausweichlichen und packe meine Sachen. Jetzt da es keine Wohnung, sondern nur noch Lager ist, fällt mir dies auch nicht mehr so schwer. Bereits vor dem Frühstück lässt meine Küche nichts mehr von dem gestrigen Abend erahnen. Bis zum Mittagessen säubere ich auch mein Schlaf- und Wohnzimmer von ihrer viel zu kurzen Geschichte.

Dann heißt es auch die letzte Feuerwehrstunde zu geben. Es ist Donnerstag, also steht es wieder an, mit dem Sandalen-Projekt weiterzumachen. (Nicht, dass ich das nicht ohnehin getan hätte.) Es ist mir ein großes Anliegen, dass dieses Projekt auch ohne mich weiter läuft, daher mache ich mich zusammen mit einer handvoll von Schüler:innen ans Nähen. In der Erwartung, dass Rose, die andere Lehrerin, die mich in der Jugendfeuerwehr unterstützt fahre ich den anderen Schülern das Auto raus und sage, sie sollen schon mal anfangen, Rose werde sicherlich bald kommen. Etwas später sehe ich zwar immer noch keine Rose, aber eine stehende Schiebeleiter und ausgelegte Schläuche.
Eine Schülerin sitzt an der Maschine und ich lasse sie möglichst in alle Schwierigkeiten des Sandalen-Nähens einmal kommen. Am Ende der Stunde habe ich das Gefühl, Alles was mir möglich war getan zu haben. Ob das Projekt nun weiterlaufen wird, kann ich jedoch nicht sagen.

Es ist Zeit für Abschieds-Geschenke. Father Maliti konnte mir zwar nicht raten, meine Idee umzusetzen, doch es mir zu verbieten wagte er auch nicht. Zu oft hatte ich ihn schon positiv überrascht. Also lade ich die erste Hälfte der Schüler ein, in den schönen alten Mercedes Rundhauber einzusteigen. Ganz selbstlos ist dieses Geschenk nicht. Zum zweiten Mal schmeiße ich den Motor an, in der Erwartung zu fahren. Zufällig finde ich den Rückwärtsgang und manövriere den Karren aus der Garage. Durch das Vorhandensein von nur einem zersplitterten Spiegel wird ein solch banales Manöver schon zur Adrenalin Dusche. Schließlich geht es wieder in Richtung Fußballacker. Mit Gas und Blaulicht geht es zurück an der Garage vorbei. Normalerweise dürfen die Jugendlichen das Zentrum nicht verlassen, doch nun ist schließlich Außnahmezustand. Das Tor zum Gelände ist jedoch zu schmal für den Karren, also bitte ich die Jugendlichen, es weiter zu öffnen. Während die Schüler vor Freude grölen stehe ich auf der Bremse und bemerke wie sich der Mercedes anfängt langsam dem Tor entgegen zu bewegen; bergab. Die Bremse bremst nicht mehr und ich beginne an meiner Arbeit zu zweifeln. Das Entsetzen beschleicht mich alleine, da nur ich die kaum bemerkbare Bewegung spüre. Ich sehe vor mir die verwirrten Blicke der Schüler, während der Mercedes gemächlich das Tor nach vorne verbiegt und über es hinweg rollt. Doch die Schüler öffnen es Tor rechtzeitig. Als ich weiterfahre fällt mir auf, dass der Luftdruck auf Null gefallen ist. Der LKW braucht die Luft um die benötigte Bremskraft zu erreichen. Ich erinnere mich daran, dass das Luftsystem nicht nur das Loch hat, was ich bereits entdeckt habe. Um die Druckluftkessel wieder zu füllen fahre ich hochtourig weiter.
Das nächste Mal, dass ich mit dem Schrecken im Nacken dankbar für meinen gütigen Schutzengel bin ist kaum fünf Minuten später. Das Feuerwehrfahrzeug steht wieder bergab vor einer Mauer. Diesmal suche ich verzweifelt den Rückwärtsgang. Zweimal rüttle ich an dem Schalthebel, in der Hoffnung den richtigen Gang zu erwischen. Hat ja schließlich schon einmal funktioniert. Doch diesmal ist mir der Zufall nicht hold. Diesmal bekommen auch die Jugendlichen mit, dass es nicht so läuft, wie es soll und steigen aus, um mich und den Karren zurück zu schieben. Ich liebe diese unaufgeregte Entspanntheit, in der hier mit Krisen umgegangen wird. Doch gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sie die Masse des Fahrzeuges unterschätzen. In meiner Verzweiflung komme ich auf verrückte Ideen. Vielleicht hat man vor 70 Jahren auch schon Getriebe gebaut, bei denen man die Schalthebel hochziehen muss, um in den Rückwärtsgang zu kommen. Es fühlt sich gut an, wie sich der Hebel einen Zentimeter nach oben ziehen und dann nach links vorne drücken lässt. Ich habe noch einen guten Meter bis zur Mauer und kann ohne größere Gefahr anfahren. Mein Erfolg wird von schreienden Jugendlichen, einem laut brummenden Motor und einer schwarzen Rußwolke begleitet. Es geht nach diesem, an sich einfachen Wendemanöver mit einem Zeischenstopp am Getränkeladen wieder zurück. Schließlich brauchte es für die LKW-Spritztour noch einen angemessenen Grund. Und so werden zwei leere Kisten Soda gegen volle getauscht.
Später sitze ich sehr viel selbstbewusster hinter dem Steuer und schalte sehr viel eleganter von dem vierten in den fünften Gang, während ich mit Blaulicht und Martinshorn über die Sandstraßen brettere. Einen Abgang mit Pauken und Trompeten, den ich mir da inszeniere. Kurze später knallen die Kronkorken von den durchgeschüttelten Sodaflaschen bis an die Wellblechdecke meiner Werkstatt. Ein dreizehner Ringschlüssel, der zusammen mit Diesel, Motorenöl und dem Acetylen-Brenner schon so einige hartnäckige Schrauben öffnete, taugt auch für Ingwer-Sodaflaschen. [2]

Was an dem Abend noch geschieht:

Der Tag meines Ausflugs

Kwa heri Dogodo! - Lebe wohl Dogodogo

Epilog (?)

In der unvermissten Heimat wurde ich mit Schneematsch begrüßt. Dort sudelte ich mich zweieinhalb Tage lang in meiner eigens gebrauten Suppe, vermisste alle meine Lebensenergie, die ich im Dogodogo Zentrum liegen gelassen hatte. Ich merkte, dass ich nun machtlos war, was mein Leben im Zentrum anbelangt. Ich hatte also die Wahl zwischen dem Loslassen des ausgefransten, abgeschnittenen Fadens, oder an ihm, wie an einem Hungertuch zu nagen.
Ich habe losgelasssen, und bin nur darum froh, dass ich an jedem tag, von den wenigen letzten abgesehen, in der Erwartung lebte, dass ein Jahr viel Zeit ist, in dem es sich lohnt, sich an die Menschen zu binden, und tief in die Kultur einzutauchen.
Nun bleibt die quälende Frage, ist es richtig schon einen Epilog zu schreiben? Über die geplante Zukunft in Tansania mit der Planierraupe zu fahren und mir hier etwas Neues zu planen? Oder halte ich an der kleinen Hoffnung fest im Spätsommer dorthin zu reisen? In der Gewissheit, dass es nicht das sein wird, was es war.

  1. Der Begriff "tansanian massage" kam auf, als wir mit einem Gast aus Deutschland das vorige Mal über die tansanischen Wege, auch zum Samaki fuhren.
  2. Meine Theorie, warum es diese Ingwer-Soda in Deutschland nicht gibt ist ja, dass sie unters Waffen gesetz fallen würde, wenn man sie im zimmerwarmen und etwas geschüttelten Zustand öffnet.
  3. Mzungu (kiswahili) = Europäer (Deutsch) Als Attribut für einen Europäer sind Geld und Bildung an erster Stelle zu nennen.