FSJ in Tansania

Jugendfeuerwehrarbeit am Dogodogo Zentrum, Dar es Salaam

Jakob Bosse

- Ein Bericht der Verzweiflung -

Über Überflüsse...

Folgen der „deutschen“ Gründlichkeit

Intro

Es ist der 26. Januar, 15:09 Uhr. Jakob Bosse schreibt in die Telegramm-Gruppe „Bossejungs mit Mädel“ (Der Titel dieser Gruppe lässt vermuten, dass sic in der Familie Bosse alle etwas zu alt fühlen. Das ist aber nicht unbedingt der Fall.)

Ich glaube ich habe einige Schrauben locker

Ich glaube ich habe einige Schrauben locker.

15:09
Sehr viele ...

Sehr viele ...

15:11
Ein Segen gibt es da genug Verbandszeug um die alle festzubinden.

Ein Segen gibt es da genug Verbandszeug um die alle festzubinden.

15:14

Hast du das so wohl sortiert oder hast du das so vorgefunden?

16:37

Die Frage an J. Bosse wurde dann eine Stunde später auch schon teilweise beantwortet. Was dabei nicht fehlen durfte, eine kleine Stichelei. (Eigentlich ist dies ja schon Beweis genug, dass die Familienangehörigen, nicht sehr weit über das Alter der Pubertät heraus kamen.)

Der Schrift auf den Schrauben Flaschen nach hast du das so sortiert. Und wie kommt das an? Bist du jetzt der deutsche Pedant mit Zwangsneurose?

17:34

Also die Schrauben habe ich sortiert, teilsortiert waren sie jedoch schon. Ich weiß nicht wie das ankäme, wenn jemand davon wüsste. Ich weiß aber, dass ich mir wie ein deutscher Pendant vorkomme. Das ist mir aber schnurzpiepe, wenn ich mir einen Nachmittag Zeit nehme, mich gemütlich auf den Staubigen Boden hocke, Musik anschalte und schrauben mit einander vergleiche, diese hierhin, jene Dahin lege.
Ich bringe zwar die Welt nicht weiter, aber ich beruhige meine jedes Mal irritierten Sinne, wenn ich in meine Werkstatt komme, wenn ich dort eine sinnvolle Ordnung errichte und nicht die des Zufalls übernehme. Es wird vermutlich Niemand jemals diese Schrauben verwenden, bevor sie verrosten. Es gibt so vieles Hier, was niemals jemand verwenden wird, weil es einfach im Überschuss da ist. Über 10 Sammelstücke habe ich heute auch aus meiner Werkstatt verdammt. Jede Feuerwehrpumpe auf dieser Welt braucht maximal ein Sammelstück. Warum sind hier 15 davon?
Es ist das Aufräumen der Werkstatt so etwas wie Mentalehygiene. Ich will nicht jedes Mal mich fragen, warum zum Henker werden in Deutschland so viele Sammelstücke, Hosenrohrstücke heißen sie im Fachjargong bezeichnenderweise, weggeschmissen, dass es innerhalb von 10 Jahren 15 bis hierher gefunden haben. Alle sind sie einsatztauglich. (vielleicht nicht in den Augen deutscher Normen).

Es wird ein Fest werden, wenn ich in ein paar Wochen ein großes Feuer anzünde, in dem zwei große Kisten vergammelte Stiefel verbrannt werden. Am sinnvollsten Wäre es in einem Großen Kessel darüber alle Hosenrohrstücke, bis auf zwei für die zwei Pumpen hier, einzuschmelzen. Zusammen mit 8 Verteilern und geschätzt 29 Schlauchkupplungen, deren Schläuche sinnvollerweise bereits zu Hängematten verarbeitet wurden. Man bekäme sicherlich gute Hundert Kilo Aluminium zusammen, dass man verhökern und sich dafür eine neue Steuereinheit für die Trinkwasserpumpe besorgen könnte. Die Steuereinheit wurde nach weniger als 7 Monaten in Betrieb vor zwei Wochen gestohlen.

Wie ihr hört, habe ich mehr als nur eine Zwangsneurose. Eine Krankheit, die von 48 ungeöffneten, abgelaufenen Verbandskästen nur verschlimmert wird.

19:57

😄😱 Ich kann mir deinen Zustand sehr gut vorstellen. Teil des Kulturschocks. Schock über die eigene wie die fremde Kultur. Lieber nicht zu viel denken und Mentalhygiene betreiben.

20:01

😂👌 es hat jedenfalls Spaß gemacht diesen Kurzbericht zu lesen.

20:02

Das freut mich zu hören. Ebenso erging es mir beim Schreiben. Es war sehr befreiend.

22:03

Warum nun erscheint dieses Ereignis, was nun einen Monat schon verstaubt ist, hier? Im weiteren Verlauf des Chats schlug U. Bosse vor, den Text, 1:1 als Bericht abzudrucken. So ist er also hier gelandet. Jakob Bosse schrieb jedoch auch im Verlauf, dass er in überarbeiteter und ergänzter Weise diesem Thema einen Bericht widmen werde. Dieser erscheint nun im Folgenden.

Mentalhygiene

So hygienisch sieht das zwar nicht aus, ist es aber.
	Es ist das im Chat erwähnte Feuer, welches ein Fest für mich war.

Nur angerissen wurde die Frage, warum war diese Mentalhygiene notwendig für mich. Auf drei eng beieinander liegenden Gebieten wirkte diese Mentalhygiene. Das, was mich am meisten betrübt, ist die Frage nach der Verwendbarkeit. Jedes Mal, wenn ich meinen Werkstatt-Container betrat, fühlte ich mich Elend vor der Masse an tollen Gerätschaften, die dort warten. Zum Beispiel den Hydrantenschlüsseln. Werkzeuge um Hydranten in Deutschland zu bedienen. In Deutschland. Und wo bin ich? Ein Hydrantenschlüssel ist ein quasi unkaputtbares und sehr einfaches Werkzeug. Ebenso wie das bereits erwähnte Hosenrohrstück. Also warum schickt man sie nach Afrika? Hier sind diese Hydrantenschlüssel quasi[1] kontextueller Müll. Kontextuell, weil er erst hier im Dogodogo Zentrum, wo es im Umkreis von geschätzten achttausend Kilometern keinen passenden Hydranten gibt, den man damit bedienen könnte, gänzlich unbrauchbar wird. Wäre er in einem anderen Kontext, zum Beispiel 8000 Kilometer nord-nord-westlich, also in Deutschland, wäre er weit davon entfernt Müll zu sein. Das heißt nun, der Wert der Hydrantenschlüssel liegt in dem des Stahls, der zu allem Überfluss in Deutschland deutlich höher wäre.

Bei der weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema komme ich natürlich zu den Ursprüngen dieses Überflusses, an denen ich nicht das erste Mal ein wenig verzweifle. Noah Y. Harari würde von der Religion „Konsumismus“ sprechen. Warum werden in Deutschland so viele Hydrantenschlüssel konsumiert? Das hat vermutlich auch etwas mit einer Zwangsneurose zu tun, doch dazu später mehr. Das ist ein grundsolides Stück Werkzeugstahl und dient der Feuerwehr sicherlich zwei mal länger, als ein:e Kammerad:in mit 3 Ehrenmedaillen. Ist es wirklich nötig, mit jedem neuen Fahrzeug, das sich eine Gemeinde beschafft, auch gleich alle Gerätschaften, die darauf sind, neu zu beschaffen? Egal ob die Entwicklung etwas Neues hervorgebracht hat oder nur der Lack schöner aussieht?

Schließlich war es der Zustand meiner Werkstatt, die, wie aus obigen zwei Absätzen hervorging, Ähnlichkeiten mit einem kontextuellem Schrotthaufen hat, der mich innerlich sehr durcheinander brachte. Es war vielleicht der Auslöser meines zunächst unbewussten Bedürfnisses nach Mentalhygiene, die damit begann, dass ich mich auf den staubigen Boden setzte und mich ein bisschen Wie WALL-E[2] fühlte. Aber gleichzeitig war es auch ein gutes Gefühl, der beklemmenden Machtlosigkeit den ausgeführten Themen gegenüber zu entkommen. Das Schrauben Sortieren war also nicht nur ein Kampf gegen die Unordnung außerhalb, sondern auch innerhalb meines Selbst. Es war Mentalhygiene. Es fühlte sich so an, als würde ich die schrauben aus ihrem sinnlosen Dasein in Unordnung befreien und ihnen ein etwas sinnvolleres Dasein in Ordnung schenken.

Meine deutsche Zwangsneurose

Vor wenigen Jahren wurde mir von einer Seelenklempnerin eine Zwangsneurose attestiert. Sie war bereits im Ruhestand und ich hatte ihr nur ganz unbefangen erzählt, wie ich meinen Kaffee zubereite. Diese Bezeichnung hat meinen Vater sehr erheitert, endlich hatte er für die Schublade „Jakobs Umgang mit Kaffee“ ein geeignetes Etikett gefunden. Wobei diese Schublade sehr schnell geräumiger gemacht wurde, und hinter dem Label Zwangsneurose noch manch andere meiner Aktivitäten bergen musste. Zum Beispiel auch das Schrauben sortieren — siehe den Chatverlauf oben.
So ganz falsch ist die Diagnose ja auch nicht, und gerade hier, im Vergleich zu den Tansanen, zwingt sie sich auf. Im Vergleich zu dem Leben hier, leben wir in Deutschland in einer einzigen, alles umspannenden Zwangsneurose.

Schauen wir uns zum Beispiel, weil nah am Thema, die Feuerwehren an. Im Feurwehrgesetz (FwG) Baden Württembergs heißt es im Artikel drei, Aufgaben der Gemeinden:

(1) Jede Gemeinde hat auf ihre Kosten eine den örtlichen Verhältnissen entsprechende leistungsfähige Feuerwehr aufzustellen, auszurüsten und zu unterhalten.

Das Klingt doch sehr vernünftig, um die Bevölkerung zu schützen. Und es klingt sehr nach deutscher Gründlichkeit. Jede noch so kleine Gemeinde hat eine Freiwillige Feuerwehr. Das nenne ich mal deutsche Gründlichkeit, um nicht Zwangsneurose zu sagen. So hat es 22.690 Freiwillige Feuerwehren in Deutschland mit insgesammt 996.688 Angehörigen.[3] Aber wenn man sich nun zwei Gemeinden vorstellt, die in den letzten Jahren so gewachsen sind, dass sie quasi eine kleine Stadt geworden sind: Wäre es nicht sinnvoller eine Freiwillige Feuerwehr aufzustellen? Vielleicht schon, aber es gibt keine halben Sachen. Nun ist der kleine Überfluss an Gemeindefeuerwehren vielleicht nicht das größte Problem in Sachen Nachhaltigkeit. Schließlich geht es ja auch um unsere Sicherheit. (Totschlagargument)
Schauen wir uns nun jedoch die Freiwilligkeit dieser Feuerwehren an. In jeder Gemeinde muss sich eine:r finden, der oder die die ehrenhafte Aufgabe des Kommandanten übernehmen will. Ich stell mir diesen Posten nicht als den spannendsten vor. Man ist vermutlich mitten drin in den Mühlen der Bürokratie, man will aber das Gefühl von exklusivem Erfolg haben. In den Einsätzen ist das schwer möglich, dort arbeitet man gemeinsam mit den anderen Kamerad:innen. Wenn man also als Kommandant:in ordentlich gründliche, eventuell ein bisschen zwangsneurotische Arbeit leisten will, dann schafft man perfektes, nagelneues Werkzeug aus solider Deutscher Qualität an. Man kann sich ja in diesem Posten mit dem oder der Bürgermeister:in gut stellen, ihn oder sie auf ein Bier einladen und erzählen, dass man die Sicherheit (Totschlagargument) der Gemeinde nicht mehr gewähren kann mit dem Feuerwehrfahrzeug (und den Hydrantenschlüsseln) aus dem letzten Jahrhundert. Welcher Bürgermeister kann nun sagen, die Sicherheit (Totschlagargument) der Gemeinde sei ihm egal, er würde die 400.000 Euro zum Renovieren einer maroden Straße investieren? Wie auch immer dem sei, ein neues Fahrzeug zu organisieren, das ist was Tolles. Darüber freuen sich alle. Auch ich habe große Augen bekommen, bei dem Anblick des neuen TLF unserer Gemeinde. Aber es war ein bitter süßes Gefühl. Wann genau ist die Not so groß, dass dieses Fahrzeug gebraucht wird?
Im Jahr haben wir durchschnittlich einen Großbrand. Und etwa alle zwei Wochen eine Brandmeldeanlage, die wir wieder ausstellen müssen. Bei letzterem würde ein Fahrrad genügen. Bei ersterem kommen ohnehin zwei bis drei Nachbarwehren zur Unterstützung, je nach Verhältnis der Kommandantin oder des Kommandanten zum bzw. zur Bürgermeister:in, auch mit nagelneuen Tanklöschfahrzeugen.
Wie auch immer es um die Notwendigkeit neuer Fahrzeuge steht: Das größere Problem der Feuerwehren ist, dass es zunehmend schwieriger wird, Nachwuchs zu finden. Aber wer weiß, vielleicht hilft hierbei ein glänzend neues Fahrzeug!? Das ist schon ein ganz schön geiles Spi...Werkzeug.

Ich will nicht bezweifeln, dass es nötig sein kann, eine Feuerwehr neu auszustatten, viel zu schnell geht die Entwicklung neuer Technologien einher, die einerseits der Feuerwehr neue Geräte zur Verfügung stellt und sie andererseits vor neue Herausforderungen stellt. Aber ist es nötig, wenn man es für nötig hält, ein Fahrzeug neu zu beschaffen, dann auch das Hosenrohrstück und die zwei Hydrantenschlüssel neu zu beschaffen? Ich wähne hier eher die deutsche Zwangsneurose, keine halben Sachen machen zu wollen. Und Geld spielt ja auch keine Rolle. Die geschätzten 80 Euro für zwei Hydrantenschlüssel im Vergleich zu den 400.000 für das voll ausgestattete Fahrzeug sind ja nichts wert. Aber hier in Tansania, wo sie zu einem guten Zweck hingegeben wurden, sind sie noch weniger wert, streng genommen, gar nichts mehr.

An dieser Stelle konnte ich es mir nicht verkneifen, einen großen Schlenker zu schlagen und das System der Freiwilligen Feuerwehren näher zu betrachten, einmal auseinender zunehmen und jedes Teil auf seine Sinnhaftig zu überprüfen. Ich will jedoch nicht euch allen zumuten, diese Auseinandersetzung zu lesen, da sie für das Folgende in meinem Essay nicht unbedingt notwendig ist. Natürlich würde ich mich über jede:n Leser:in freuen. Diese Auseinandersetzung ist nun im Anhang zu lesen.

Die Überflüsse

Die Überflüsse des Geldes in manchen deutschen Gemeinden zusammen mit dem Überfluss an Engagement von Kommandanten ihre Feuerwehr perfekt auszustatten führen notwendigerweise zu einem Überfluss an Material, in diesem Kontext dann zunächst Müll, der aber noch einem guten Zweck dienen soll. Wenn nun ein kleiner Überfluss guten Willens dazu kommt und man den „Menschen in Afrika“ helfen will, dann führt das leider dazu, dass hier in Afrika der an-sich-nicht-Müll wieder zu kontextuellem Müll wird.

Spielen wir ein kleine Gedankenspiel. Wir reduzieren die deutsche Gründlichkeit. Es wird aber dennoch ein neues Fahrzeug mit allem neuen Spielz.. ähm Werkzeug besorgt. Lediglich macht man sich nun nicht die Mühe, die überflüssigen Hosenrohrstücke und Hydrantenschlüssel zu entsorgen, bzw. mildtätiger Weise nach Tansania zu spenden. Es sammelt sich also im Keller der Feuerwehrwache über die Jahre ein Haufen an kontextuellem Müll von perfekt funtionierenden Hydrantenschlüsseln an. Jeder, der diesen Keller nun betritt, würde sofort den irrsinnigen Wahnsinn des Konsumismus gespiegelt bekommen.

Aber der Konsumismus ist eine zu gut verfeinerte Religion. Er hat Mechanismen entwickelt, sich selbst nur von der Zuckerseite zu zeigen. Gerade mit der deutschen Gründlichkeit funktioniert es bestens, dass die alten Hydrantenschlüssel sofort entsorgt werden. Sei es im Schmelzkessel, wonach neue Hydrantenschlüssel in ihre Form gegossen werden können, oder sei es in Tansania.

Also nicht nur Kleider und Hühnchenschlägel werden in Afrika entsorgt, seh ich das richtig?

23:06

Lediglich ein Überfluss bin ich verzweifelt am suchen. Den Überfluss an Gesundem Menschenverstand, kurz GMV. Das Denken, nicht nur von der Tapete bis zur Wand, jenes, welches nicht im Kleister seine Energie verliert. Das Durchdenken auch der größeren, eventuell weit entfernten, doch folgenreichen Konsequenzen seines Handelns. Davon sehe ich keinen Überfluss. Oder ist diese Forderung nach mehr GMV auch nur Ausdruck meiner Zwangsneurose? Ausdruck meines Strebens nach Perfektion in allem und Können wir vielleicht einfach unsere Erde zu Grunde richten?

Meine schizophrene, kulturgeschockte Existenz

Und was mache ich hier? Mit meiner Zwangsneurose arbeite ich als freiwilliger Sklave des Konsumismus und verwische seine Spuren der Verwüstung. Ich fände den Namen „Kapituliermuss“ hier eigentlich noch treffender. Da es mir scheint, dass alle Individuen sowieso, aber auch alle politischen Einrichtungen vor der zerschmetternden Macht des Kapitalismus kapitulieren.
Aufgewachsen in einer sauberen heilen Welt, kann ich es nicht ertragen, plötzlich jeden Tag in meiner Werkstatt sehen zu müssen, wie real die Verwüstung durch meine saubere heile Welt ist.
Es ist die Ironie des Gottes des Kapituliermuss, dass ich das Mittel verwende, das den ganzen nicht-an-sich-Müll hierher gebracht hat, um diesen nun kontextuellen Müll zu bekämpfen. Nicht nur verwende ich die deutsche Zwangsneurose, die Schrauben zu sortieren, um wenigstens eine theoretische Verwendung zu vereinfachen. Ich verwende sogar die kapitalistischen Methoden an sich, die ich abends beim Berichten verdamme. Zumindest verwende ich sie theoretisch, wenn ich vorschlage, die Hosenrohrstücke als Alt-Aluminium zusammen mit den Schlauchkupplungen zu verkaufen. Das dies ein sinnvoller Schritt ist, bezweifelt Fr. Maliti, der das Zentrum hier leitet, auch gar nicht. Und ich bezweifle auch nicht, dass er es vorhat, das Material zu verkaufen. Doch er sieht keinerlei Notwendigkeit, sich heute darum zu kümmern. Morgen ist schließlich auch ein Tag.

Man kann nun mit viel Bewunderung darüber sprechen, die Europäer haben die Uhr, die Afrikaner die Zeit. Aber sobald ich als Mzungu, wie ich als Europäer hier täglich mehrmals angesprochen werde, nach Tansania komme und etwas erledigen will, dann werde ich damit konfrontiert, dass ich mich aufgrund meiner kulturell geprägten Gewohnheiten sehr schnell sehr einsam fühle. Vor zwei Wochen hatte ich das Gefühl mit all meiner Energie, die ich in diverse Projekte stecke, gegen zwei große Wände zu rennen. Die eine war die des Kulturschocks. Die Wand der relativen Verbindlichkeit meiner Mitmenschen. Relativ verbindlich, weil sie nur in meinen Augen, die Augen meiner Kultur sind, unverbindlich erscheinen. Die zweite Wand war die sprachliche. Ich hatte das Gefühl, in dem Austausch über meine Projekte an die Personen gebunden zu sein, die Englisch sprechen. Davon gibt es Zwei. Fr. Maliti, der allerdings ununterbrochen beschäftigt ist. Und Dennis, mit dem ich allerdings persönlich nicht so gut klar komme. Diese zweite Wand, gegen die ich gerannt bin, relativiert sicherlich ein Stück weit meine etwas rassistische Pauschalisierung, die Tansanen wären unverbindlich. Aber diese relative Unverbindlichkeit ist auch nur die Kehrseite der Medaille der Ruhen, Offenheit und Gastfreundlichkeit, die ich hier wertschätzend genieße.
Wenn ich mich nun also zurück in meinen Container verkrieche und Schrauben sortiere, dann ist das nicht wirklich eine Maßnahme gegen meine Einsamkeit. Aber wenn ich versuche, jemanden hier zu begeistern, Schrauben zu sortieren, dann bleibe ich ebenso einsam, da das Schrauben sortieren nicht an sich, sondern nur als meine Mentalhygiene einen Wert hat. Denn Schrauben werden hier kaum verwendet, wenn man zwei Stück Stahl verbinden möchte, werden sie mit einer Schweiß-Eletrode zusammengebrutzelt. Aber soll ich nun den Anblick meiner Werkstatt ertragen, mit all den bereits aus- und unausgeführten trüben Gedanken, die dieser mit sich bringt? Soll ich meine deutsche Zwangsneurose euthanasieren um mich der Kultur hier ganz zu assimilieren? Ich müsste meine ganze Herkunft, meine ganze Entwicklung neu beschreiben.
Nein, ich wäre kein Zwangsneurotiker, wenn ich diese Qualität so leichtfertig einfach mal abstellen könnte. Wenn ich mich meinem Kiswahilistudium mit derselben Akribie widme, wie dem Schrauben sortieren, dann sollte es nicht allzu lange gehen, bis ich meine Projekte nicht mehr alleine bearbeiten muss. Natürlich muss ich mich dann immer noch mit der relativen Unverbindlichkeit arrangieren, doch wenn ich mich zunehmend differenzierter auszudrücken vermag, sollte das auch zunehmend einfacher fallen.

  1. Ich spreche von quasi kontextuellem Müll, da man theoretisch mit den Hydrantenschlüsseln auch Sechskantmuttern oder Schrauben der Größe 120 aufschrauben könnte. Doch auch dann rechtfertigt sich ihre Quantität noch nicht.
  2. WALL-E so heißt der kleine Roboter, der Protagonist des Films mit dem alles sagenden Titel „WALL-E, der letzte räumt die Erde auf“
  3. siehe Wikipedia, Feuerwehr in Deutschland.

Ihr wollt keinen Beitrag verpassen, dann abonniert gerne meinen Newsletter, in dem ich auf neue Inhalte aufmerksam machen. Schreibt mir um zu abonnieren einfach eine Mail, dann setze ich euch auf die Verteilerliste.

A1: Freiwillige Feuerwehr eine sinnvolle Einrichtung?

Betrachten wir nun nochmal die riesige Zahl an Feuerwehren. So erkennen wir, dass eben geschilderter Effekt der Verschwendung in einer Gemeinde, durch die Anzahl an Gemeinden seine verheerende Wirkung bekommt. Würde man also die Anzahl an Wehren nicht an die Gemeinden koppeln, sondern ein anderes Verfahren entwickelt, dass eine sinnvolle Feuerwehrdichte ermittelt, so könnte man einerseits den Überfluss an Müll reduzieren und andererseits wären dann auch nicht die Feuerwehrleute und -fahrzeuge chronisch unterfordert. Man darf auch nicht vergessen, was es für mich als Feuerwehrmann bedeutet, kaum Einsätze zu haben, bei denen ich nötig bin. Wenn es mal brennt, dann kommt Freude auf. Ich kann nicht garantieren, dass ich nicht unbewusst das Bekämpfen des Brandes ein klein wenig herauszögere, um einen Augenblick länger in meine Adrenalin Rausch die Action zu genießen. Ja, ich kann durchaus emotional nachvollziehen, warum ein:e Feuerwehrkamerad:in zur bzw, zum Brandstifter:in wird.
Aber eine solche Forderung zu stellen, das gesamte System der guten alten Freiwilligen Feuerwehr umzukrempeln, wird sehr schnell mit dem Totschlagargument der Sicherheit zu Nichte gemacht. Natürlich bedeutet eine Reduzierung an Feuerwehr eine Reduzierung an Sicherheit aufgrund der Ausrückzeiten. Doch in welchem Verhältnis stehen die Reduktion von Feuerwehr und die an Sicherheit? Ich bin mir sehr sicher, dass wir weit entfernt von einem relativen Maximum an Sicherheit bei minimaler Feuerwehranzahl sind. Nur als kleinen Hinweis will ich anmerken, dass es kein Rotekreuz-Gesetz gibt, dass jede Gemeinde verpflichtet einen Notartzt bereit zu halten. Stattdessen wird danach geschaut, an welchem Standort der maximale Gewinn an Sicherheit erzielt wird, wenn dort ein neuer RTW stationiert wird.

Doch nun genug beschwert. Ich möchte einfach mal ein Konzept in den Raum stellen, wie ich Feuerwehr für effizienter halte. Als ersten Schritt würde ich die Anzahl an Fahrzeugen und Ausrüstung deutlich reduzieren. Heute haben große Gemeinden auch eine große Wehr, kleine eine kleine. Aber der Unterschied zu kleinen Gemeinden ist nicht, die Größe der Brände, sondern allein deren Anzahl. Das heißt, das HLF (Hilefeleistungs Löschfahrzeug) der großen Gemeinde wird häufiger, also effizienter, benutzt als das der kleinen Gemeinde. Aber dieser Vorteil wird dadurch zunichte Gemacht, dass die große Gemeinde vielleicht gleich zwei davon hat. Das heißt auch, dass die Leben der Bürger einer größeren Gemeinde besser geschützt sind, allerdings nur bei sehr Großen Einsätzen, bei denen 1 HLF nicht genügt. Doch diese großen Einsätze sind rar. Sehr rar. Und in diesen Fällen kommen ohnehin mindesten zwei Nachbarwehren an. Das heißt, man kann ohne große Einbuße an Sicherheit die Anzahl der Fahrzeuge reduzieren.

Um nun die Anzahl der Feuerwehren zu reduzieren, würde ich das Gesetz abschaffen, dass jede Gemeinde eine Wehr unterhalten muss. Stattdessen, würde ich mich vollständig auf die Einsatzfristen stützen und anhand derer die Wachen verteilen. Außerdem bekommt jede Wehr eine aktive Einsatztruppe, von fünf oder sieben Kamerad:innen, die sehr viel schneller vor Ort sein können, als die Freiwilligen, die erst zur Feuerwehrwache anfahren müssen. Da sie schneller sind, kann man die Anzahl der Wachen wiederum reduzieren, bei gleichbleibender Anfahrtszeit von um die 10 Minuten. Außerdem wäre diese Einsatztruppe besser als Team eingespielt, da sie sehr viel mehr Einsätze zusammen machen. Diese Einsatztruppen würden vermutlich um die 80 bis 90 Prozent der Einsätze erledigen. Brandmeldeanlagen zurücksetzen, einen qualmenden Komposthaufen ein bisschen nass spritzen, eine verschlossene Tür öffnen oder einen Ast von der Straße aufsammeln. Für all diese Dinge bin ich schon um halb fünf aufgeschreckt, hektisch von den Hausaufgaben weg gerannt, oder nicht zu einem Termin gekommen. Und diese Dinge werden meiner Einschätzung nach mehr, weil die Menschen immer weniger Chaos ertragen, immer schlechter Gefahren einschätzen, wegen immer kleineren Pupsen die 112 wählen. Wenn man einen Komposthaufen rauchen sieht, dann vermutlich in einem Garten, wo sehr wahrscheinlich nicht allzu weit entfernt ein Gartenschlauch zu finden ist. Aber das Smartphone ist schließlich noch weniger entfernt. Und man könnte ja ein Beet zertrampeln und daraufhin auf Hausfriedensbruch verklagt werden. Also ruft man lieber die Feuerwehr, die mit zwei oder drei dutzend Tonnen Stahl in einem Wert von insgesamt einer knappen Million daher gebraust kommt, um dann mit den Stahlkappenstiefeln das Beet zu einem Feldweg zu verdichten. Das ist nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen, sondern mit einer Armee ne Mücke zerquetscht. Und jetzt habe ich mich doch schon wieder beschwert. Entschuldige.
Für die verbleibenden 10% bis 20% an Einsätzen für die auch drei benachbarte Einsatzgruppen nicht ausreichen, ist es sinnvoll eine Freiwillige Feuerwehr zu haben. Nun stellt sich natürlich die Frage, mat welchem Fahrzeug die nun anrücken sollen. Nicht mit einem 400.000 Euro Karren. 40.000 genügen für einen Mannschaftstransport Wagen (MTW) und Gerät hat es auf den HLF vor Ort genug, um mindesten 18 weitere Personen sinnvoll zu beschäftigen.

Zurück zum Text