FSJ in Tansania

Jugendfeuerwehrarbeit am Dogodogo Zentrum, Dar es Salaam

Jakob Bosse

- Eine Gegenüberstellung -

Von Feuerwehr und Englisch

Ein Bericht aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Ich bin zwar schon seit einer gefühlten Ewigkeit in Tansania, es sind etwa zwei Monate, doch erst vor wenigen Wochen habe ich angefangen zu unterrichten. Es hat nach einer langen Zeit - quasi Urlaub eigentlich - das begonnen, weshalb ich hierher gekommen bin. Am neunten Januar hatte ich die erste Jugendfeuerwehrstunde.
Auch hatte ich meine erste Englischstunde und die Vorahnung, dass Englisch zu unterrichten die sehr viel größere Aufgabe sein wird.

Eine Erzählung aus dem Gebiet der Feuerwehrproben

Den Tag der ersten Feuerwehrprobe kann man sich in etwa so vorstellen: Vormittags fahre ich zu einem Laden an die Straße runter, besorge Trinkwasser. Als ich zurück komme will Dennis, einer der Organisatoren, Motorradfahren lernen. Ich erkläre ihm also wie das Schalten funktioniert. Irgendwann fährt er mit heulendem Motor im ersten Gang über das Gelände, kommt aber gesund wieder zurück. Ein anderes Mal gräbt er den halben Weg um mit seinem Kavaliersstart, aus der Angst den Motor abzuwürgen. Es war einerseits Angst einflößend, wie er lernte, andererseits war es beeindruckend zu sehen, dass er sich selber nicht die geringste Angst einflößte.
Im Anschluss frittierte ich Pommes und schnippelte einen Salat. Als ich mit dem Essen fertig war stellte ich fest, dass es 20 vor zwei, also vor der Feuerwehrprobe war.
Zusammenfassend, ich hatte nicht sehr viel Zeit darauf verschwendet, mich groß vorzubereiten. Ganz im Gegenteil fühlte ich mich der Aufgabe so wie ich bin gewachsen. Ich vertraute darauf, dass der Anspruch des Moments und meine Intuition gemeinsam schon eine erfolgreiche Probe gestalten würden.

Die zweite Probe, mit Steck- und Schiebeleiter. Ich zog mich also schnell um und ging zügig zum Feuerwehrhaus. Dort musste ich zunächst einige der Jugendlichen mit Kleidern ausstatten. Als dies erledigt war, hätte ich eigentlich beginnen können. Doch die Lehrerin, die mich unterstützen sollte, war nicht da. Also bat ich einen der Jungs zu einem Lehrer zu gehen, der ihre Nummer hat, ihn zu bitten, sie anzurufen. Das klappte auch problemlos, einige Minuten später kam sie mit einem Motorradtaxi angefahren. Die erste Probe konnte also beginnen. Ich begann mit etwas erster Hilfe, der stabilen Seitenlage. Und als die Jugendlichen zu zweit anfingen, wurde mir bewusst, dass ich selber gründlich hätte überlegen müssen, bis ich ihnen hätte zeigen können, eine bewusstlose Person in die stabile Seitenlage zu bringen. Doch glücklicherweise kannten sie sich gut aus. Und ich hätte ihnen vermutlich ohnehin die andere Version gezeigt, die von der deutschen Lehrmeinung als einfacher angesehen wird, aber den Nachteil hat, dass man den Bewusstlosen jede halbe Stunde wenden muss. Ich hätte also nur Verwirrung gestiftet. Ein Segen: Sie wussten also bereits Bescheid. Lediglich in Detailfragen konnte ich hier und da etwas weiterhelfen.
Im Anschluss probten wir Schiebeleiter stellen. Mich freute es zu sehen, wie ernst die Probe genommen wurde. Auch wenn manche der Jugendlichen etwas Angst hatten, die leicht schaukelnde Leiter hochzusteigen, setzten sie tapfer einen Fuß über den anderen, bis sie oben ankamen. In tansanischer Geschwindigkeit natürlich. Ein Schritttempo, das ich mir in der Horizontalen auch bereits angewöhnt habe. In der Vertikalen jedoch habe ich mein Tempo noch nicht gedrosselt, auch weil ich dann bereits oben bin, bis der oder die Schüler:in oben ankommt.

Alles in Allem hatte ich nach der Probe das Gefühl, erfolgreich gewesen zu sein. Eine Idee im Voraus, Leiter stellen, genügte mir um zweieinhalb Stunden Probe zu improvisieren. Eigentlich sollte es die kleinere Steckleiter werden, doch der Fahrer für das Fahrzeug, auf dem diese verstaut war, tauchte nicht auf. Und ich selber hatte zwar schon versucht selbst zu fahren, das endete doch mit der Pein, dass ich hinter dem Karren ein paar Spinde demolierte. Das Automatik-Getriebe hatte einfach einen zu durchsetzungsstarken eigenen Willen. Am nächsten Wochenende traute ich mich dennoch wieder hinters Lenkrad und schaute, was sich tat. Sehr lange gar nichts! Das vergangene Mal konnte ich immerhin einen Gang einlegen. Auch als der Betriebsluftdruck längst erreicht war, ließ sich die Kupplung nicht aus der Neutralstellung bewegen. Ich fing also an, an ein paar Schaltern herumzuspielen. Und dann plötzlich drosselte sich das Auto und ich konnte einen bzw. den Gang einlegen - unheimlich: ohne eine Kupplung zu drücken. Und dann bewegte ich mich auch schon, zusammen mit einem guten halben Dutzend Tonnen Stahl und zwei von Wasser und natürlich einer Besatzung von fröhlich aufgebrachten Jugendlichen. Father Maliti war unterwegs, wir bauten also Unfug. Ich fuhr sichtlich erfreut, doch mit viel Respekt, über die vom letzten Regen geformten Wege, das Fahrzeug schaukelte hin und her. Ich drehte einen Schlenker über den Fußball-Acker, suchte dort auf freiem Feld nach der Hupe, die mein Beifahrer offensichtlich anschalten wollte. Ich vollendete den Schlenker über den Acker dann mit heulender Sirene und war froh, Fr. Maliti absent zu wissen. Wobei: immerhin hat er mir die Schlüssel auf meine Fragen ohne Weiteres in die Hand gedrückt, aber so ganz korrekt fühlte sich diese Fahrstunde für mein deutsches Gewissen nicht an.
Bis ich inzwischen von mir sagen kann, dass ich weiß wie der Karren fährt, dauerte es jedoch nochmal eine Probe, bei der ich wieder sehr lange mit laufendem Motor und gefüllter Luft dastand und den Schalthebel nicht bewegen konnte. Irgendwann merkte ich, dass der eine Schalter den ich betätigte die Leerlaufdrehzahl regelt. Ist diese zu hoch, lässt sich die Kupplung nicht betätigen. Wäre diese von Anfang an niedrig, würde dass Füllen der Luft sehr lange dauern. Die Luft ist überlebensnotwendig, da die Bremsanlage sonst nicht funktioniert.

Zusammenfassend lässt sich über meine Aktivität als Jugendfeuerwehr-Kommandant sagen, dass ich sehr viel Freude habe. Die Trennschärfe zwischen Jugendfeuerwehrkommandant und Spielkind ist etwa so klar, wie die zwischen Meer und Himmel an einem diesigen Tag. Auch lässt sich sagen, dass sich alles, was zum „Unterrichten” gehört, auf die zweieinhalb Stunden beschränkt.

Eine Erzählung aus dem Gebiet des Englischunterrichtens

Vier Tage nach der ersten Probe hatte ich meine erste Englischstunde. Diesen Tag kann man sich in etwa so vorstellen: Morgens koche ich mir nach dem Aufstehen mein Frühstück und Kaffee. Vormittags sitze ich in meinem Wohnzimmer, um mich herum eine kleine Zettelwirtschaft. In meinem Kopf einige Fragezeichen, die sich langsam, jedoch stetig durch Ausrufezeichen verdrängen lassen. Kurz vor Mittag habe ich dann endlich doch das gute Gefühl, einen Plan zu haben, wie ich die erste Stunde gestalten könnte.
Im Gegensatz zu dem Vormittag vor der Feuerwehrprobe, hatte ich alles andere als ein vertrauenspendendes Gefühl von „'s wird schon”. Ganz im Gegenteil fühlte ich mich vor die Aufgabe gestellt, jede Aktion zu erdenken und in ein großes Gefüge, genannt Unterrichtsentwurf, zu verpacken. Dies geht mir bis heute so. Zur ersten Stunde jedoch zurück.
Ich kam mir irgendwann vor wie ein Hirnloser, der macht, was sein Plan, nicht der Moment ihm vorschreibt. Zu sehr war ich beschäftigt zu ordnen, was ich wahrnahm. Ich wurde gewissermaßen wieder zu dem bereits genannten Kind, was staunend in die Welt, bzw. den Englischunterricht schaut und seinen Platz darin nicht wirklich erkennt. (Dass dies ein problematischer Zustand ist, wenn man unterrichten will, muss ich vermutlich nicht erwähnen.)

  1. Überforderte ich die Schüler, oder unterforderte ich sie?
  2. Was ist mit der ganzen Unruhe hier? werde ich die irgendwann los, oder kann ich sie verdrängen? Damit auch das Gefühl, dass allein wegen ihr das Lernen halb so erfolgreich ist?
  3. Wie will ich knapp 40 Schülern zweieinhalb Stunden unterrichten mit einem Kiswahili, das ungefähr einem Level von A2[1] aber noch nicht B1 entspricht?

Viele Fragen, die mich also konfrontierten. Erstaunlich viele kann ich inzwischen, nach weiteren vier Stunden beantworten.

Zur ersten Frage: Ich kann ganz klar mit Ja und ganz entschieden mit nein antworten. Je nachdem welche Gruppe der Schüler ich mir vorstelle.

Zur zweiten Frage: Dies Bündel von Fragen, dass sich der Unruhe widmet, kann ich so beantworten, dass ich tatsächlich die Unruhe verdränge, die um mich herrscht, und ich mich immer mehr immer nur auf eine sehr kleine Gruppe von Schülern konzentriere. Wenn ich versuche, die ganze Klasse in ihrer Konzentration zu fangen, komme ich mir meist sehr einsam vor. Wie ein Landwirt der seinen ausgebrachten Samen erzählt, wie sie am schnellsten aufkeimen und zu neuem Leben erwachen können. Auch wenn ich nach dem Erklären einer Aufgabe auf die Frage Mmeelewa? (M-: ihr / -me-: Tempus und Aspekt Markierer des Präsens Perfekt / -elewa: Stammform von verstehen (kuelewa: infinitiv) / ?: ?)[2] ein zögerliches Ndiyo (Ja) bekomme, muss ich beim anschließenden „Durch die Reihen Gehen” erkennen, dass dem nicht so der Fall war. Es kommt Kraut und Rüben dabei raus, allein der Landwirt wäre also glücklich. Aber wozu habe ich zweieinhalb Stunden Zeit? Ich fange also an von einem Tisch zum nächsten zu gehen und Kraut und Rüben auseinanderzuhalten. Wenn ich Glück habe, hören mir mehr als nur eine Person am Tisch zu und versuchen zu verstehen, was da über meine Lippen an Kraut und Rüben kommt. (Rüben in Englisch und mehr als nur ein reines Kraut in Krauswahili, vermute ich.) Es hat aber auch, wie eigentlich immer, wenn man nur sucht, etwas Gutes an sich, dass ich durch genannte Umstände immer und immer wieder sehr ähnliches Kraut und ähnliche Rüben sortiere. So habe ich immer und immer wieder Zeit auch mein Krauswahili zu belauschen, etwas zu verbessern und dahingehend zu optimieren, dass ich dem oder der Dritten der oder die, die gleiche Schwierigkeit hat, schon sehr viel sprachsicherer helfen kann, als dem oder der Ersten. (Im Kiswahili gibt es übrigens keine grammatischen Geschlechter (dafür 6 Nominalklassen) das würde Sätze wie den vergangenen sicherlich einfacher machen, gibt aber eine extra Punkt, an den man im Englischunterricht plötzlich denken muss.)

Zur letzten Frage: Geht es, knapp 40 Schüler zweieinhalb Stunden lang mit geschilderter Stimmung zu unterrichten? Eigentlich hat sich die Frage schon mit der vorigen Antwort erübrigt. Es geht gar nicht! Ich unterrichte keine 36 Schüler, immer nur ein bis drei, maximal vier, mit viel Glück mal fünf. Mein Vater merkte bei der Korrektur an: „ein Trost für dich: so geht es auch in der Abiturvorbereitung Mathematik. [Ich unterrichte] immer mal wieder 5 andere, von Tisch zu Tisch gehend”
Zu den zweieinhalb Stunden muss ich gestehen: Die habe ich noch nie voll bekommen, ohne vorher mich geistig dermaßen ausgelaugt zu fühlen, dass ich zu unserer aller Sicherheit die Schüler nicht habe da behalten wollen, bis die letzte Minute an uns vorüber gezogen wäre.
Irgendwann in diesen zweieinhalb Stunden kam es bislang immer zu einem geistigen Exodus, der auf den Gnadenstoß einer Abrissbirne wartet, der den Pudding im Kopp mal ordentlich durcheinander wirbelt. Eines Tages - eine dreiviertel Stunde noch bis halb fünf - stellte ich fest, dass der Großteil der Klasse in der angrenzenden Küche war und die übriggebliebenen Portionen des Mittagessens verspeißte. Ich sah dies in eben geschildertem geistigen Zustand. Kurz überlegte ich, ob ich der Spielverderber sein und sie zurückpfeifen sollte. Doch bereits vor diesem Gedanken hatte ich die Gewissheit, dass mir die Energie fehlen würde, um nicht als Clown dazustehen. Also ging ich auch in die Küche, nicht wissend, ob dies gut sei, nahm den letzten Happen von einem Teller und stellte mich dann vor einen bislang unangerührten Teller und nahm mir mit einem sehr seltsamen Gefühl, dort eine weitere Handvoll Ugali mit Bohnen und Kraut. Bei der zweiten Portion fühlte es sich schon sehr viel besser an. Und bei der Dritten spürte ich, dass die Abrissbirne den Exodus zerschlug; der Pudding auseinander flog. Nach einer weiteren Handvoll vernahm ich ein „English ... finish” was mich herausfordernd um eine Bestätigung bat. Ich brauchte dann nochmal eineinhalb Händevoll um mich von einer Erkenntnis leiten zu lassen, die schon sehr viel früher kam: ein Beenden der Stunde an diesem Punkt würde einer Kapitulation meinerseits gleichkommen und für die Zukunft nicht sehr hilfreich sein. Ich hieß den Schüler, der jenes „English ... finish” fragend verlauten ließ, willkommen, meinen Teller Ugali ganz aufzuessen und danach zusammen mit den anderen Schülern wieder in den Unterricht zu kommen. Zurück im Klassenzimmer stellte ich erheitert fest, wie wahr der Ausspruch, Störungen hätten Vorrang, doch ist. Dann suchte ich kurz einen Faden, an den ich die letzte halbe Stunde binden konnte. Als die Schüler nun aus der Küche zurückgekommen waren, konnte ich eine vergleichsweise unglaublich konzentrierte letzte halbe Stunde unterrichten.

Zusammenfassend lässt sich über den Englischunterricht kaum was sagen. Unglaublich kompliziert das Ganze. Vormittags sitze ich in meinem Wohnzimmer und überlege mir ein Unterrichtsentwurf. Inzwischen bin ich zwar nicht mehr der Hirnlose, der ihm blind hinterherläuft, aber dennoch kann ich es nicht erreichen, dass ich für mehr als ein Drittel der Schüler die spannenden und lehrreichen Fragen stelle. Die anderen Zwei Drittel haben ein Niveau von Englisch, das von den Fragen vollkommen überfordert, oder total gelangweilt ist.
Inzwischen, muss ich gestehen, kapitulierte ich: Ab nächster Woche werde ich die blutigen Anfänger abgeben. Ich habe die Hoffnung, dann Erfolge zu erreichen mit denen, die schon eine Basis von Englisch haben, die ich mit ihnen ausbauen kann, um später darauf aufzubauen.

Zwischenspiel

Geneigte Leser, nun habe ich bereits 14501 [3] Zeichen zusammengehackt, aber noch immer nicht das Gefühl, etwas vermittelt zu haben, das mehr als nur seichte Unterhaltung ist. Das mag dich vielleicht nicht stören, du hast schließlich sehr lebhafte Einblicke bekommen. Doch meinem Anspruch, neben lebhafter Eindrücke, auch zu vermitteln, was in mir vorgeht, was auf einer Metaebene geschieht, bin ich noch nicht gerecht geworden.
Etwas konzeptlos bin ich in diesen Text gestartet. Aus einem spontanen Gefühl heraus, ich hätte der Welt etwas zu erzählen. Nun ja und nun habe ich viel erzählt, aber das was mich zu diesem spontanen Gefühl brachte, nur im Ansatz versteckt zwischen all dem Erzählen, was auf euch hoffentlich etwas weniger orientierungslos wirkt als auf mich. Eigentlich könnte ich aus meinem letzten Bericht lernen, dass es nicht nur gute Seiten hat, wenn man eine Angst vor dem Wegstreichen ganzer Passagen hat. Aber nein, ich versuche wieder alle Substanz zu behalten und an ihr herumzubasteln, bis sie einigermaßen passt. Doch nun genug des traurigen Einblicks in meine Realität des Schreibens. Zurück zum Thema, zu dem bislang unerwähnten Auslöser, diesen Text so überstürzt anzufangen.

Der Verdienst einer nicht ganz richtigen Erwartung

Bis ich vor drei Wochen anfing zu unterrichten, dachte ich noch, ich würde hierher kommen, um die Jugendfeuerwehr zu leiten. Wie gesehen, ist das Englisch Unterrichten der unglaublich viel größere Happen. Diese Erkenntnis, sie wirkt nun so dürr und unspektakulär auf mich, war der nun viel mystifizierte Grund diesen Text anzufangen.
Vor dem Beginn meines Freiwilligen Jahres habe ich mir ganz bewusst nicht allzu viel vorgestellt, wie etwas werden könnte, da ich wusste, dass es bestimmt anders kommen würde. Doch in einem Punkt wähnte ich mich auf sicherem Boden: Die Feuerwehrproben würden Dreh- und Angelpunkt werden. Ironie des Schicksals, (oder des Zufalls, wie auch immer man glauben mag), dass ich trotz all meiner Vorsicht vor Einstellungen und Erwartungen dennoch daneben lag. Auf den ersten und zweiten Blick ist daran nichts Dramatisches zu erkennen. Eine kleine Überraschung halt, die das Leben interessanter macht. Auf den dritten Blick kann ich als Betroffener jedoch bemerken, dass ich durch meine Erwartungshaltung mich unbewusst sehr gut vorbereitet habe auf die Feuerwehr, nicht aber das Englisch.
Ich habe mich immer und immer wieder mit der Frage konfrontiert, warum ich den Jugendlichen hier den Umgang mit feuerwehrtechnischem Gerät beibringen will, welches sie nie wieder in ihrem Leben sehen werden, sobald sie das Zentrum verlassen. Wenn du jetzt eine Antwort erwartest, tut mir leid. Ich habe die Frage nach der Sinnhaftigkeit meines Schaffens im Voraus solange zelebriert, bis sich in mir ein Gefühl einstellte, aus dem heraus ich nun die Momente der Proben gestalte. Dieses Gefühl sagt mir, dass es nicht um die Techniken der Feuerwehr geht, sondern darum, Probleme zu lösen und Gefahren einzuschätzen. Hui, das klingt hoch gestochen. Ich will nicht lehren, wie man eine Leiter aufstellt, sondern ich will die Schüler immer und immer wieder an den Punkt bringen, den einen Handgriff, den ich ihnen zeige um die Leiter aufzustellen, im Zusammenhang des großen Ziels, den Verletzten von dem Turm zu holen, zu hinterfragen. Denn dieses Hinterfragen führt meiner Ansicht nach dazu, dass sie nicht nur durch mich lernen, Wie sie es tun, sondern auch für sich erkennen, Warum. Erst durch diese tiefere Erkenntnis, des Warum lernen sie eine Fähigkeit, die sie auch auf andere Probleme anwenden können.
Ob meine Einstellung sich in der äußerlichen Form, wie ich die Proben gestalte nun erheblich unterscheidet von der Form des Unterrichts einer Person, die das Ziel hat, den Schülern perfekt Leiterstellen beizubringen, weiß ich nicht. Vielleicht gelangt letztere Person zu demselben Ziel, dass die Schüler den Handgriff im großen Zusammenhang sehen. Ich glaube, diese tiefe Erkenntnis ist sogar notwendig, um perfekter Leitersteller zu werden. Aber darauf kommt es mir an dieser Stelle nicht an. Ich wollte nur verdeutlichen, dass ich lange bevor ich das Unterrichten anfing, mich mit der etwaigen Sinnlosigkeit dessen beschäftigt habe und daraus nun das Gefühl resultiert, dass ich hier etwas Sinnvolles leisten kann. Und dieses Gefühl wiederum stärkt mich darin, dass ich die Proben aus einer kleinen Idee heraus bereits gestalten kann.

Nun zu dem Englisch-Unterricht. Ich will nicht behaupten, ich könnte eine Stunde Englisch so locker improvisieren, wie eine Probe. Doch was ich könnte, wäre etwas zielstrebiger vorbereiten, hätte ich mich bereits mit der Frage beschäftigt, was ich erreichen will. Was ist der Sinn dahinter, dass die Schüler hier zwei Jahre lang laienhaften Englischunterricht bekommen? Diese Frage stelle ich mir jetzt erst. Sie drängt sich teilweise störend in den Tumult des Unterrichts hinein.
Ich habe einen sehr großen Respekt vor dem Unterrichten von Englisch. Denn es einerseits noch wichtiger, dass die Schüler verstehen (so weit das die Sprache zulässt), warum sie dies und jenes so sagen, wie sie es sagen. Andererseits ist es schwerer festzustellen, ob die Vorstellung, die jede:r Schüler:in sich bildet, auch eine zielführende ist.
Vorhin sagte ich, ich werde nächste Woche die Hälfte mit dem anfänglicheren Niveau abgeben; so habe ich es besprochen. Doch inzwischen hat sich bei mir herauskristallisiert, dass ich am liebsten nur die Schüler unterrichten will, die Englisch lernen wollen und dafür bereit sind zum Beispiel Vokabeln zu pauken. Schließlich bin ich 13 Jahre lang im Russisch Unterricht gewesen, und konnte danach nur unwesentlich besser Russisch als Kiswahili, bevor ich nach Tansania ging. Dafür hatte ich nur für ca. 3 Monate täglich etwas gelernt. In den zwei Jahren, die die Schüler hier sind, haben nur die eine Chance Englisch zu lernen, die auch etwas machen wollen. Füre alle anderen Schüler und ihr Englisch macht es keinen Unterschied, ob sie den Unterricht ohne böse Absicht aufhalten, oder nicht.

Nachspiel

Nachdem mir nun die vergangene Absätze aus der Hand geflossen sind, weiß ich wie richtig mein Gefühl war, mich diesem Thema zu widmen. Ich schien zu wissen, dass dort irgendwo ein Hund begraben liegt. Nun habe ich ihn ausgegraben und seziert. Ich hoffe es war nicht nur zu meinem Glück, sondern auch lesenswert. Mir wird diese nachgeholte Beschäftigung mit dem Sinn und Un-sinn meines Unterrichtens in Zukunft sicherlich helfen, konzentrierter und sicherer mein Englischunterricht zu gestalten, in welcher Form er dann auch immer sein wird.

Ich komme nun zurück zu meinem planlosen Start in diesen Text, den ich auf halben Weg bedauerte, da ich nicht das Gefühl hatte, etwas arg spannendes verfasst zu haben. Nun jedoch sehe ich mich zwischen dem gegenübergestellt, dass mir diese Planlosigkeit erst die Freiheit gegeben hat, den spannenden Punkt zu finden. Allerdings birgt dieses Schreibende Suchen immer die Gefahr, dass man sich verirrt in seinen Gedanken, nicht mehr vor oder zurück kommt. Ich weiß nicht, ob die nun zufällige Ordnung, die meinem Lauf der Gedanken in etwa entspricht, eine Sinnvolle ist, mit der ihr Leser möglichst ähnlichen Gedanken in euch nachvollziehend aufbaut. Aber ich weiß auch nicht, ob ich bei dem Erdenken eines Konzeptes auf jene Gedanken gestoßen wäre, die in meinen Augen den Text bereichern, aber etwas im Schatten stehen gelassen wirken.
Das Einzige, wovon ich das Gefühl habe, es sei etwas wie ein Konzept, was diesem Text seinen Halt gibt, ist dieses Nach- und das dazu gehörige Zwischenspiel, die aus einem ganz anderen Material gebaut sind, als der Rest des Textes. Es ist wie der Mörtel den man ich dick zwischen zwei Steine geschmiert habe, damit diese nicht von der nächsten Böe umgestoßen werden. Aber verputzt ist diese Wand noch lange nicht. Ich werde sie auch nicht mehr verputzen, sondern einfach selbstbewusst behaupten, dass soll so. Vielleicht hat der Text so seinen eigenen Reiz. Wenn ihr wollt, nennt es Kunst, wenn nicht, dann wartet auf das nächste Bündel von Gedanken, die vielleicht eine rundere Erscheinung haben werden.

  1. Das Sprachniveau A2 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen wird in etwa so definiert, dass es die Möglichkeit gibt, die wichtigen alltäglichen Dinge relativ klar zu kommunizieren, wie etwa beim Einkaufen, oder im Restaurant, sowie auf der Straße nach dem Weg fragen. Weitere Informationen auf der Webseite GER.
  2. Ihr wollt, dass ich mal ein ausführlicheren Teil eines Berichtes der wunderschön geordneten Grammatik des Kiswahili widme? Dann schreibt mir dies.
  3. Solltest du auf die Idee kommen nachzuzählen, möchte ich anmerken, dass ich die Zeichen der HTML-Tags mitgezählt habe. Auch die Leerzeichen, Zeilen Umbrüche und Tabulatoren habe ich mitgezählt.

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