FSJ in Tansania

Jugendfeuerwehrarbeit am Dogodogo Zentrum, Dar es Salaam

Jakob Bosse

- Der Versuch zu Berichten -

Suchen

Ich habe mich auf eine Suche begeben, glaube ich. Vor nicht allzu langer Zeit dachte ich noch, ich werde ein Abenteuer bestreiten. Dies ist es sicherlich auch, jedoch aus einer anderen als der meinigen Perspektive. Meiner Perspektive kommt der Begriff Suche näher. Mit der Ankunft auf Sansibar begann die Suche nach dem was zwischen Gestern und Morgen ist. Nach mir im Jetzt.
Ich wurde zum Kind, das mit unersättlicher Neugier in die Welt schaut, sich selbst in dieser nicht bewusst sieht. Spätestens seit ich darüber nachdenke, was ich in meinen ersten Bericht schreiben will und soll, begann auch die Suche nach einem hinweisgebenden Titel. Diese Suche kam zwar zu einem etwas einfallslosen Ergebnis, doch bescherte sie mir etliche Gliederungsmöglichkeiten.

Zurück zum Kind

Dritter Titel, beschreibt etwa die ersten anderthalb Wochen

Am ersten Abend mit einem Jungen auf dem Gepäckträger über die hubbeligen Straßen meiner Nachbarschaft gefahren. Bremsen: die kennt hier kein Fahrrad. Meine Sprache, Kiswahili, schien sehr weit weg. Oder das, was die Menschen um mich sprachen, schien weit entfernt davon, was fragmentarisch irgendwo in meinem Kopf, unauffindbar als Kiswahili bezeichnet wurde. Erst später am Abend pustete ich ein wenig Staub aus den Ecken und fand dort ein paar Vokabeln, die teilweise Verständnis erbrachten.
Noch später am Abend ging es ans bettfertig machen. Seit Verlassen des Flugzeuges hatte ich geschwitzt, also war duschen angesagt. Doch bereit für drei Eimer, zwei von ihnen voll mit Wasser, war ich noch nicht. Einer von ihnen war klein und mit Stiel, also eher eine Kelle. "Das muss ich erst noch lernen", dachte ich, und dass ich ohnehin die Nacht durchschwitzen würde. Duschen also als obsolet erklärt und sein gelassen. Am nächsten Abend war es dann das schönste Gefühl, mir kaltes Wasser über Brust, Rücken und Kopf zu gießen. Wie ein Kind freute ich mich über diese neue Fähigkeit, duschen zu können. Nach den ersten Tagen bemerkte ich, dass ich im Bus sitzend die ganze Zeit aus dem Fenster schaute. Unbefangen, ohne das Gesehene zu hinterfragen. Ich schaute im reinsten Sinn. Eindruck nach Eindruck floss in mich, wie Wasser einen Stein überspült. Alle vergangenen Tage war ich am Schauen gewesen. An jenem dann bemerkte ich es, erkannte ganz unvermittelt, dass ich Teil der Welt war, die ich sah. Ich dachte, und so wurde ich. Ich machte einen Schritt raus aus der kindlichen Neugier, nur um bald wieder zu dem Stein zu werden, der von so vielem Neuen überspült wurde und selbst ganz ruhig blieb.
Angekommen an dem Dogodogo Zentrum wurde ich auch irgendwie wieder zum Kind, das einen unerschöpflichen Spielplatz gefunden hat. An jeder Ecke gibt es etwas, was ich machen kann. Mit spielerischer Freude kann ich hier anpacken und habe das Gefühl etwas Sinnvolles zu machen.

Die Suche nach meinem Halt

beschreibt das was nach der ersten Woche begann

Nach der ersten Woche verging auch die Anfangseuphorie. Mit der langsamen Selbsterkenntnis, dem Ausgang aus der Kindlichkeit, konfrontierte mich auch die Erkenntnis, dass ich nur noch zwei Wochen hier auf Sansibar sein werde, dass ich mich hier gar nicht in ein Zuhause einleben kann, da es für mich keines sein wird. Gleichzeitig spürte ich, dass das Zuhause, was ich zwanzig Jahre als Vertrautes um mich hatte, verschwunden war. Ein Zuhause, zu dem auch meine Freunde zählen. Diese Erkenntnis, hat mich schon in den letzten Tagen in Deutschland haltlos zurück gelassen. Ich war also gänzlich heimat- und haltlos. Auch das Kindsein hielt mich nicht mehr, da ich mich an die neue Umgebung gewöhnt hatte und nicht mehr alles staunend betrachtete.
Mit dem Vergehen der Zeit, dem Nachdenken, dadurch, dass ich mich dem Jetzt entzogen und mir die Zeit genommen habe, wurde mir bewusst, dass mein (nicht nur physiches) Zuhause nur in den Augenblicken gänzlich verschwindet, in denen ich den Moment hier mit allen Sinnen und Gedanken durchlebe. Nur wenn ich "Kind" bin gibt mir mein Zuhause in Deutschland keinerlei Halt, da ich in jenen Augenblicken ganz im Jetzt lebe. Als Kind denke ich auch nicht allzu viel über meine Situation nach, bemerke nicht, was nicht ist, sondern nur was ist. Und in den Momenten der Reflexion kann ich mich sehr wohl an mein Zuhause halten. Es kann auch fernab von dem Ort auf der Weltkugel seinen Zweck erfüllen, wenn ich verstehe damit umzugehen. Denn ich weiß, dass dieses Zuhause, der Ort und das, was auf einer überirdischen Ebene dazugehört, als Konstante in meinem Leben insofern wirkt, als dass es mir Halt bietet. Denn ich weiß, bzw. glaube zu wissen, dass sich dieses Zuhause langsamer als ich verändern wird. (Das ist Fluch und Segen zugleich vom Zuhause, denn dort ist auch ein Bild von mir, was sich eben so träge verändert, wie das Zuhause, nicht so wie ich.)

Das Suchen nach mir

Zweiter gefundener Titel, beschreibt einen Prozess, der sein Ziel nie erreichen wird.

Wir sind nicht weit Weg von dem letzten Thema, es geht immer noch um die Frage nach dem Zuhause, um die Frage nach dem, woran ich mich gerne halten würde: An meine Freundin. Meine Liebe zu ihr lies mich wünschen, dass es nach dem Jahr in eben so vertrauter Weise mit uns weitergehen kann. Doch hinter ein einfaches Weitermachen haben wir im Vorfeld bereits zwei Fragezeichen gesetzt, Wir beide wissen nicht, wie wir uns verändern in diesem Jahr - auch sie leistet ein Jahr Freiwilligendienst. Tragischerweise hat sich meine Liebe noch nicht an diese zwei Fragezeichen gewöhnt. Am 8.12. schrieb ich auf dem Balkon einer Lodge in Jambiani, wo ich zusammen mit den anderen Freiwilligen das Wochenende am Faulenzen war, in mein Tagebuch:

[...]diese Ungewissheit, was mit uns sein wird, [...] sie lässt mich nicht los. [...] Ein Gedanke der auch ab und zu mal kam: Wäre es einfacher, wir hätten unsere Beziehung beendet? Ich hätte es nicht können. [...] Diese Unsicherheit: grässlich

Nach einem Telefonat mit ihr, hatte ich das Gefühl, bei ihr seien es drei Fragezeichen geworden, die für sie richtig seien. Verstehen konnte ich das, auch schon vor dem Telefonat, ich war ja selbst für mindestens ein Fragezeichen. Aber das es so schwer sein würde es zu fühlen, hätte ich nicht gedacht.

Ankommen

viertes Fundstück, beschreibt etwa das Ergebnis der Suche

In den folgenden Tagen passierte etwas in mir, was mich bewegte, von dem Suchen nach mir zu sprechen, weil ich das Gefühl bekam, mich zu sehen, nicht nur in Erinnerungen an die Vergangenheit, sondern im hier und Jetzt. Mir wurde bewusst, warum ich jeden Abend Tagebuch schreibe, es fühlte sich plötzlich richtig an. Ich spielte das erste Mal Saxophon, hier Zuhause, ein magisches Gefühl. Es verschmolz das, was ich mitgebracht hatte, mit dem was hier ist. Ich nahm mir meinen Raum und füllte ihn wahlweise mit mehr oder weniger von dem, was bereits vertraut war. Am 13.12. schrieb unter dem Sternenhimmel vor dem Haus:

Irgendwann schweiften meine Gedanken zu [meiner "Freundin"]. Sie wurden nicht begleitet von Leere, von Fülle diesmal, von Wärme und Dankbarkeit; für die vergangenen Zeiten mit ihr. Ich habe mich dem Gedanken genähert, dass in Zukunft eine gute Freundschaft bleiben wird.

Bin ich damit ein Pessimist? Eigentlich habe ich mich immer als Optimisten gesehen. Mein Gefühl meiner Freundin gegenüber wirkte wie ein harter Schnitt. Wie die bewusste Entscheidung, unsere Beziehung zu beenden. Es brauchte diesen Schnitt, um weg zu kommen von ihr, von den Gedanken an sie, die mich mit Leere füllten.

Heute (25.12.2019) bin ich ungefähr dort angekommen, wo auch meine Freundin schon seit einiger Zeit ist. Was ist eine Beziehung, wenn man sich ein Jahr nicht sieht, und nur alle paar Wochen sich spricht? Was ist eine Beziehung, wenn jeder seine Aufgaben hat, in denen er den ganzen Tag lebt? Was ist eine Beziehung, wenn man nicht weiß, ob sie zu dem zurückkehren wird, was sie fast zwei Jahre lang, eine kleine Ewigkeit war? Was ist eine Beziehung? Warum haben wir vereinbart, dass wir an dem Begriff festhalten und lediglich das Adjektiv „offen” hinzufügen? Ahnen konnten wir nicht, wie wir darüber denken und fühlen würden. Aber diese Fragen beschäftigen mich auch nur dann, wenn ich mich dazu entscheide, mich damit beschäftigen zu wollen. Wenn meine Gedanken zu ihr schweifen, bleiben sie nicht mehr hängen, wie ein Insekt im Spinnennetz, dass dann eingepackt und später verspeist wird.

Angekommen!?

fünfter Titel, beschreibt die Zeit ab Ende der dritten Woche

An meinem letzten Tag auf Sansibar waren ich und die anderen Freiwilligen auf einer Hochzeit eingeladen. Der schönste Moment war vor der Zeremonie, als wir im Haus des Bräutigam zum Pilau essen eingeladen wurden. Wer nicht weiß was Pilau ist frage die Websuchmaschine seines Vertrauens oder stelle sich etwas ähnliches wie die spanische Paella vor. Pilau wird traditionell zu Hochzeiten auf Sansibar gegessen. Serviert wurde eine große runde Platte mit einem riesigen Berg von Pilau, wie wollen wir das alles essen? Dann kam die Hausherrin mit einem Krug Wasser vorbei und wir konnten unsere rechte Hand waschen. Zunächst versuchte ich mit Zeige- Mittel- und Ringfinger den Reis an den Rand der Platte, und mit dem Daumen von oben auf den Boden der Platte zu Klumpen zu drücken. Das Ergebnis okay. Ich konnte den Reisbrocken nun mit dem Daumen über die genannten drei Finger in den Mund schieben. Mit zunehmender Eleganz. Irgendwann versuchte ich nachzuahmen, was ich bei meiner Gastmutter beobachtete. Etwas größere Mengen Pilau in der Faust zu Klumpen pressen, die man dann mit zwei oder drei Happen essen konnte. Mit letzterer Methode bin ich bis heute sehr erfolgreich geworden.
Okay, das war jetzt eine lange Beschreibung von etwas, was vermutlich sehr wenigen von euch irgendeinen praktischen Nutzen bringt, noch sehr appetitlich für euch vorzustellen sein wird, da ihr das Pech hattet, in einem Land wie Deutschland aufgewachsen zu sein. Mein Punkt, den ich nun ausgiebig anpeilte, ist, dass ich während dieses Erlebnisses das Gefühl hatte, nun sei ich angekommen. Die Wochen vorher habe ich nur mein täglich Fisch mit der Hand gegessen, da dies mit einem Löffel quasi unmöglich ist. Ich muss zugeben, ich habe es nach zwei Tagen bereits genossen, problemlos auf Messer und Gabel verzichten zu können und die Werkzeuge die Gott uns gab zu verwenden. Einen Löffel, sowie Seife um vor dem Essen Hände zu waschen waren ein Luxus, auf den ich jedoch nicht verzichten wollte. Heute genieße ich es jedoch, dass ich auch auf den Löffel verzichten kann. Würde ich als einziger mit dem Löffel meinen Maisbrei mit Bohnen und Spinat essen, fühlte sich das unpassend an. Wie mir gerade auffällt, verwende ich Seife auch nur noch nach dem Gang auf die Toilette. Kurz gesagt, ich fühlte mich gänzlich angekommen, ohne Spiegel fällt es mir ja auch gar nicht so auf, dass ich weiß bin.

Am 24., Vorabend zu Weihnachten, wurde natürlich Weihnachten vorbereitet. Zusammen mit mir buk mein Zimmernachbar Paphras Kuchen. Mehrmals gab ich die Hoffnung auf, wir könnten erfolgreich sein. Ohne Waage? Geht noch! Aber ohne Backform? Schon komplizierter, dachte ich, ging aber auch problemlos in einem Kochtopf. Irgendwann teilte uns Father Maliti mit, dass der Ofen, den wir verwendeten, unglaublich viel Strom verbrauche, den er teuer bezahle. Wir zogen also auf den Kohleherd um. Meine Zweife an einen Erfolg waren kaum mehr zu steigern. Und auch meine Ratlosigkeit, was zu tun. Doch Paphras kannte sich aus. Über die Glühenden Kohlen wurde eine Stahlplatte gelegt, darauf Sand gehäuft, in den der Topf gestellt und etwas vergraben wurde. Auf den Topf ein Deckel, darauf Sand dann glühende Kohle. Fertig war der Ofen. Der erste Kuchen wurde recht bald fertig gebacken, er hatte ja schon einigen Vorsprung in dem bekommen, was ich als Ofen kannte. Als der zweite Kuchen auch fertig wurde, wusste ich, dass die allzu klare Unterscheidung zwischen Herd nicht gottgegeben, sondern Effekt einer zunehmenden Technisierung ist. Und mir wurde klar, dass ich niemals richtig ankommen kann, immer ein Stück Gast, nie aber Einheimischer bin.
Es geschah noch etwas an Heiligabend, was mich noch mehr zu dieser Erkenntnis führte. Ich leistete Beihilfe zum Mord. Eigentlich wollte ich nur etwas aus meinem Haus holen, doch dann wurde ich von Sebastian gebeten ein Messer zu bringen. Er hockte zusammen mit einigen anderen der Schüler und den zwei Massay, die hier die Security Männer sind, um eine gefesselte Ziege. Mehr brauche ich vermutlich von dem Geschehen nicht schildern. Es beschäftigte mich sehr, dieses Erlebnis. Ich glaubte plötzlich nachempfinden zu können, warum man den Tieren zuliebe kein Fleisch isst. Ich schämte mich ein wenig, dass ich nur dem Klima, nicht den Tieren zuliebe meinen Fleischkonsum stark reduzierte. Es wirkte so brutal zu sehen, wie dem Tier die Kehle aufgeschnitten wurde, nicht zu wissen, fühlt das Tier noch etwas, oder erst jetzt nicht mehr? Dabei ist, was der Fleischkonsum in Deutschland, in Europa, im globalen Norden macht, viel brutaler. Vielleicht nicht, wenn man das reine Sterben betrachtet, aber wenn man das Leben des Tieres betrachtet.
Heute, am ersten Weihnachtstag habe ich mein Essen sehr genossen, weil ich wusste, wie besonders es war.

zuhause

letzte Überschrift, beschreibt, wie ich mich jetzt fühle

Als ich das letzte Schlaglicht über das zweifelhafte angekommen-sein verfasste, saß ich vor meinem Haus auf der Veranda; auf dem Boden an eine Säule gelehnt. Ich habe hier zwar Stühle, aber auf Sansibar habe ich gemerkt, dass diese gar nicht so wichtig sind. Ich genoss die leichte Brise, die vom Meer herauf wehte. Und dank meiner Pfeife, die ich paffte, ließen mich auch die Moskitos einigermaßen in Ruhe. Sie schienen die Pfeife weit weniger als ich zu genießen. Ich dachte nicht über die fortgeschrittene Zeit nach, auch wenn ich morgens nicht viel länger als bis zum Sonnenaufgang schlafe. Ich werde meistens vom Hahn, oder dem Schaben der Krähen auf meinem Dach geweckt. Die Energie tanke ich einfach tagsüber.
Ich bin zuhause angekommen.

Ihr habt Fragen oder Rückmeldung zu dem Bericht?
Dann schreibt mir gerne.