FSJ in Tansania

Jugendfeuerwehrarbeit am Dogodogo Zentrum, Dar es Salaam

Jakob Bosse

- Eine essayistische Parabel -

Der (lange) Weg vom Kolonialismus zur Entwicklungshilfe

Prolog

Bei meinem Bewerbungsgespräch für mein FSJ wurde ich gefragt, ob ich glaube, dass ich mit meinem FSJ, der Jugendfeuerwehrarbeit, etwas Sinnvolles machen würde. Schließlich könne man auch für die 10.000€ zwei Lehrer ein Jahr lang anstellen. Mir wurde klar, dass ich mir nicht einbilden kann, ich könne den Jugendlichen helfen. Statt dessen würde ich mich sogar schuldig machen, das Getriebe der Globalisierung, zwischen dessen Rädern die kleinen Länder zermalmt werden, anzutreiben, da ich bestätige, dass es uns Europäern möglich ist in jeden Winkel der Welt vorzudringen. Eigentlich hätte ich aufstehen sollen und gehen - mich der Erkenntnis dieser Schuld beugen. Stattdessen jedoch blieb ich, schwieg eine kleine Weile, um mich der kalten Ehrlichkeit dieser Frage zu stellen und eine genauso ehrliche, nur weniger kalte Antwort zu finden. Diese stumme, kleine Weile wurde dann belohnt mit der sowohl naheliegenden, als auch eingebildeten Antwort, ich würde ja so etwas wie Aufklärungsarbeit leisten, wenn ich einen Blog schreibe, den ihr lest. Und so habe ich Euch, meine Leserinnen und Leser, ohne Euer Wissen bereits vor Monaten mit in mein Projekt eingebunden. Wenn ich meine Erfahrungen am Dogodogo Zentrum möglichst anschaulich und reflektiert zu Papier (eigentlich zu Bits und Bytes) bringe, so kann ich mein FSJ durchaus rechtfertigen. Natürlich setze ich voraus, dass ihr Leser:innen auch Interesse habt, da es sonst doch wieder nur ein sehr egoistisches Unterfangen, der eigenen geistigen Bereicherung ist. Mit folgender Abhandlung über den Kolonialismus, habe ich mit meiner eigenen Aufklärung schon begonnen, und möchte auch euch nicht vorenthalten, was es im Kolonialismus zu entdecken gibt; in der Geschichte, sowie der Gegenwart.

Die Geschichte

130 Jahre her? Schnee von vorgestern, könnte man sagen. Nicht mal in der Schule wurde über den deutschen Kolonialismus geredet. Und das liegt nicht daran, dass es kein Helden-Epos ist. Wir erzählen uns ja auch die Geschichte eines gescheiterten übersteigerten Nationalsozialismus. Das Wissen über das “Dritte Reich“ reichen wir weiter, um einer erneuten Katastrophe, nationalistischen Ursprungs, vorzubeugen. Warum reichen wir das Wissen über den Völkermord an den Herero und Nama, den Maji-Maji Krieg; kurz die verheerenden Folgen des Kolonialismus, nicht weiter? Sind wir gefeit davor, auf diese Katastrophen erneut zuzusteuern?
Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden auch wir Deutschen befreit von der Nazi-Diktatur. Doch wann wurden wir vom Kolonialismus, von der Ideologie wir seien die „Herrenrasse“ befreit? (Eine „Herrenrasse“, der übrigens nicht nur Herren, sondern auch Damen angehörten!) Die Frage nach Entschädigungen, Restitution, die wir klein halten; zeigt das nicht, dass wir immer noch, zumindest so ein bisschen glauben, wir seien die Besseren?

Bevor wir darüber spekulieren, inwiefern kolonialistisches Denken heute noch in uns lebt, schauen wir uns dazu mal die Geschichte an. Im April 1884 weist der Bündnis-Bildner Bismarck den deutschen Konsul in Kapstadt an, Besitzungen eines deutschen Kaufmanns unter Reichsschutz zu stellen, kurz nachdem er versicherte, solange er Reichskanzler sei, werde keine Kolonialpolitik betrieben. Kurz darauf wurden auch in anderen Gebieten deutsche Flaggen gehisst. Bismarcks Gesinnungswandel begründete er mit der Schaffung von Absatzmärkten in Afrika. Ich kann mir ja super vorstellen, wie erpicht die indigenen Stämme darauf waren, Waren mit „Made in Germany”-Stempel zu akquirieren. Der Gesinnungswandel hing also vielleicht doch auch damit zusammen, dass Bismarck etwas populärer werden wollte und daher bei dem äußerst populären Kolonialismus mitmischen und den deutschen Rückstand im Kolonialismus wettmachen wollte. Dazu mag gekommen sein, dass sein Vermögensberater Gerson Bleichröder im Deutschen Kolonialverein aktiv war. Schließlich ist Nomen manchmal auch Omen. Der Bündnis-Bismarck hatte natürlich außenpolitische Gründe. So hoffte er auf eine engere Zusammenarbeit mit Frankreich in kolonialpolitischen Fragen. Einerseits um Revanchegedanken im Keim zu ersticken, andererseits um eine Verbrüderung Frankreichs mit England gegen das Deutsche Reich vorzubeugen.

Okay, bla bla blup... bis hier war es vielleicht doch nur Schnee von Gestern oder Liebkosungen für Geschichtsfetischisten. Interessanter ist vielleicht die generelle Struktur des deutschen Kolonialismus. Hierzu würde ich in der größten möglichen Knappheit sagen: kein Zuckerbrot und Peitsche; aber auch: linke Verträge, die nicht einzuhalten geplant waren, um Land abzuluchsen; hinzufügen kann man noch: einen Riesenhype und ein Verlustgeschäft.

Geneigte:r Leser:innen, es wäre noch kein Essay, würde ich es bei diesem schlaglichtartigen Spaziergang durch die Untiefen des Kolonialismus belassen, also folgt nun eine extended Version.
Widmen wir uns der Frage nach dem Widerstand. Abgesehen davon, dass Bismarck anfangs von überflüssigem Luxus sprach, gab es nicht viele Gegenstimmen. Auch die europäischen Aufklärer, die einst den absolutistischen Ständestaat kritisierten, da sie Menschen generell als gleichwertig betrachteten, sahen die Afrikaner zwar als Menschen, jedoch zweiter Klasse an. Damit versuchten sie den Status quo zu erklären, warum Afrikaner immer wieder versklavt und ausgebeutet wurden. Ich befürchte, wer auch immer zu dem Schluss der zweitklassigen Menschen kam, ist noch nicht ganz aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ausgegangen, sondern hat sich maßgeblich von der Gesellschaftsstimmung zu seinem Urteil führen lassen. Denn der Kolonialismus war seiner Zeit äußerst populär. Außerdem war der Kolonialismus per se teilweise Produkt der Aufklärung. Man meinte die „anderen“ Menschen zu dem Glück, dass die Aufklärung brachte, zwingen zu können. Auch die Sozialdemokraten unterstützten die Idee (Genotyp), die „niedereren“ Schwarzen zu missionieren, waren jedoch nicht immer vollends begeistert über das Ausarten (Phänotyp) des Kolonialismus. Mehr als die Farbe, hatte das vergossene Blut nicht viel gemein mit den sozialistischen Ideen.
Begrifflich habe ich den Schritt in die Biologie, Pardon, den Rassismus, der auf pseudo biologischen Kurzschlüssen basiert, bereits getan, inhaltlich ist er nun zu schreiten. Der Einfluss des darwinistischen Evolutionsgedanken auf das Denken der Kolonialisten, brachte radikalere Auswüchse der Gewalt mit sich. Schließlich konnten man sich ja nicht mehr sicher sein, dass die Afrikaner Menschen minderer Klasse bleiben würden, da sich, laut Darwin Alles entwickelt und besser anpasst. Man hatte daher Angst, dass die Bewohner des Landes, das man besetzt, sich der Besetzung anpassen, sich folglich weiterentwickeln würden und sich daher zur Wehr setzen könnten. Also für mich braucht es zu der Erkenntnis, dass sich von mir Unterdrückte früher oder später zur Wehr setzen kein Darwin. Wobei ich auch noch kein Land, keine Kultur, nicht mal einen Menschen unterjocht und ausgebeutet habe. (abgesehen von mir selbst natürlich.) Aber man besetzte ja gar kein Land, sondern errichtete Schutzgebiete, in denen man die Bewohner beschützen und missionieren konnte. Also „baten“ wir aufgeklärten Europäer unter Zuhilfenahme der Gewalt, die Evolution der Afrikaner um Aufschub. Aber trotzdem ihnen den Segen der Aufklärung einprügeln. Schreit auch euch diese Paradoxie an?

Ein erschreckendes Beispiel, an dem sich die explosive Fragilität des Gedankenkonstruktes der weißen Überlegenheit zeigt, ist der Völkermord an den Herero und Nama. Damit gibt es wieder einen Exkurs in die Vergangenheit. Es wird keine Forschungsreise sein, wie sie um 1900 machte. Bei diesen „besorgte“ man vorausschauend die Kunstgegenstände für unsere heutigen ethnologischen Museen. Der Exkurs, den wir gleich machen, wird ein geistiger Spaziergang über die Schlachtfelder in Namibia. 1904.
12. Januar. Ein wahrscheinlich sonniger Tag. Wir sehen wütende Herero. Ein brennendes Haus. Es kommt eine weitere Gruppe von Herero an, sie erzählen stolz, dass sie eben eine Eisenbahnlinie auseinandernahmen. Kurz darauf kommt, in weißer Uniform gekleidet und ein Gewehr über der Schulter tragend, ein wütender Schutztruppenoffizier angeritten. Zwei Herero kippen vor ihm aus dem Sattel. Später wird er ein ehrenvolles Grab bekommen, während sie in einem einfachen Loch verscharrt werden. Wir machen einen Sprung in unserem gedanklichen Spaziergang. Der Krieg währt bereits einige Monate, es ist August und wir befinden uns an einer Flanke des Waterberges. Schreie und Schüsse hören wir überall um uns, sehen können wir nichts, zu eng ist das Gestrüpp um uns. Wir wissen, dass Generalleutnant Trotha, der vor wenigen Tagen mit einigen Soldaten aus dem Reich kam, heute und hier die Entscheidung erzwingen will. Er hat mit seiner Schutztruppe das ganze Gebiet umzingelt. Plötzlich bemerken wir jedoch, dass immer weniger Schüsse fallen, und diese vor allem links neben uns. Wenige Tage später werden wir erfahren, dass die Herero den Kreis durchbrachen und flohen, Trotha sie verfolgte und in die Omahekewüste, den sicheren Tod trieb. Wären wir im Generalstab in Berlin, erführen wir, der Widerstand sei gebrochen. Doch wir sind in Namibia, in sicherem Abstand zur Schutztruppe und sehen, dass diese die Herero immer weiter treibt, sie vernichten will. Wenige Wochen vergehen, es ist der 2. Oktober. Nun wird bestätigt, was wir bereits vermuten. Es geht um die Vernichtung. Trotha befiehlt allen Herero, das Land zu verlassen, er droht ausdrücklich auch allen Kindern und Frauen mit dem Tod.
Zeitsprung. April 1905. Wir lesen einen Befehl. Wieder eine Todesdrohung einer ganzen Ethnie gegenüber, diesmal ist sie an die Nama adressiert. Auch dieser Befehl ist gezeichnet von Trotha. Im Oktober letzten Jahres fürchteten die Nama dass sie das nächste Opfer würden, daher haben sie eine Guerillakrieg angefangen. Nun lesen wir die teils von ihnen selbst herauf beschworene Bestätigung ihrer Befürchtung.

Du hast selber gesehen und gehört, nun ist es an dir zu richten. Falls es dich interessiert, mein Urteil lautet so: Die erschreckende Bilanz ist, dass es ein kleinerer Prestigeverlust war, eine halbe Landbevölkerung auszurotten, als es auf sich sitzen zu lassen, dass man die Entscheidungsschlacht nicht gewonnen hat. Das ist jetzt etwas zynisch, aber ich muss an einen Sandkasten und viel Geplärre denken...

Um das Bild vom Kolonialismus, welches ich hier zeichne, etwas zu differenzieren, will ich auch ein Beispiel geben, bei dem die bösen Kolonialisten nicht ganz so Böses im Sinne, bzw. nicht ganz so wenig im Herzen hatten. Schließlich waren sie ja auf einer Mission, bzw. der Mission. Nicht nur zum Christentum sollten die Afrikaner missioniert werden, auch zu besserem Ackerbau. Die Engländer war tatsächlich erfolgreich, und die Erträge wurden gesteigert. Nun standen Sie jedoch vor dem Problem, dass das System des Kolonialismus es nicht zuließ, dass die Afrikaner den Anbau selbstständig betrieben. Also wurde die Ackerbaulehre als gescheitertes Experiment abgestempelt. Die Afrikaner wurden insofern versklavt, als dass sie Kopf- und Haussteuern zahlen mussten. Dies war ihnen nur möglich, wenn sie auf Plantagen der Kolonialherren arbeiteten. Und hier tadaa, haben wir, endlich die Wirtschaftlichkeit der Kolonien. Das Geschäft prosperierte, wir Europäer bekamen schöne Waren aus den Kolonien im Zentrum des Reiches zu Gesicht. Es bildete sich die Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Hallerschen Torbezirk zu Berlin, kurz E.d.K. Ich will hier niemandem zum Steinewerfen auffordern, das wäre kindisch. Aber Tatsache ist, dass der vertrauenswürdige Supermarkt anfangs nicht nur Lebensmittel, sondern auch die Sklaverei liebte. Wir verkauften nicht nur Waren aus den Kolonien, wir holten sogar das koloniale Leben, für alle die Reichsbürger, die nicht nach Ostafrika oder Südwestafrika, Pardon nach Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika, reisen konnten nach Deutschland. Bei den Völkerschauen wurden Siedlungen Stückweise im Hamburger Zoo (Hagenbeck) errichtet, in diesen sollten dann die Einheimischen ihre nomadische Lebensweise zur Schau stellen, während sie von liebenswürdigen Schutztruppenoffizieren bewacht wurden. Dass die Afrikaner, aufgrund fehlenden Infektionsschutzes nach der Völkerschau ihren, in Europa eingefangenen Krankheiten erlagen, wurde für den kulturellen Austausch in Kauf genommen und unter dem Teppich, kehrender Weise verstaut.

Diese leicht geschönte Version von Kolonialismus, trug dazu bei, dass nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem den Deutschen ihre Schutzgebiete aberkannt und an die Siegermächte gegeben wurden, die deutschen Kolonien in einer rosa Nostalgie-Wolke erschienen. Dass das Reich mit seinen Investitionen in Eisenbahnschienen, die heute in Tansania und Namibia verrosten, keine Renditen verzeichnen konnte, interessierte kaum jemanden. Über die ganzen Märtyrertode in den diversen Kolonialkriegen will ich gar nicht erst reden. Immerhin gab es dann 1933, dank Hitler, keine falschen Sehnsüchte nach Kolonien in Afrika mehr. Lediglich die nach „Lebensraum“ im Osten; mit bekannten Folgen. Und heute sind wir sogar so weit, dass wir Ländern mit der Entwicklungshilfe, Pardon Entwicklungszusammenarbeit, partnerschaftlich helfen.

Wir helfen nicht mehr innerhalb einer falschen Ideologievorstellung, sondern ganz transparent mit viel Geld, 10,2 Milliarden Euro... krass sooo viel, und das bekommen die Länder in Afrika einfach so? Naja...

Mir wäre es nun eine Freude mit einem Rundumschlag, das ganze System der Entwicklungshilfe umzukrempeln, gedanklich auszuquetschen, bis nur noch trockener Rauch und Schall übrig bleibt. Ich würde damit anfangen, dass immer noch mit der selben kolonialen Haltung, der unserer eigenen Überlegenheit, mit den Staaten Afrikas umgegangen wird. Dabei brauchten wir Europäer zwei Welt- und einen Kalten Krieg um zu dem Glauben zu gelangen, die Demokratie zusammen mit dem Kapitalismus seien das Paradies auf Erden. Und mit diesem Glauben, so würde ich fortfahren, wollen wir nun alle Welt beglückend missionieren, natürlich nur wenn die sogenannten Partnerländer für unseren War on Terror mit unserem Geld aufrüsten, anstatt es in Bildung zu investieren. Warum ich es nicht tue, sondern mich gemäßigten Wortes den Erkenntnissen über die Entwicklungshilfe nähere ,hängt damit zusammen, dass ich diesen bruchstückartigen Sezier-Versuch des Kolonialismus irgendwann zu Ende bringen will.

Zurück also zum Geld, dem Vielen, das relativ gesehen nicht soo viel, z.B. nur ein viertel unseres Wehretats ist. Man könnte also sagen, dass man vier mal mehr Geld zum Kaputtbomben ausgibt, als zum Aufbauen. Und die Länder bekommen es auch nicht ganz für umme. Schließlich müssen sie sich an Bedingungen, allgemein unter dem Begriff "good governance" bekannt, halten. Ein Staat verpflichtet sich also, bessere Regierungsarbeit zu leisten, zum Beispiel gegen Korruption vorzugehen, und bekommt dafür Geld. Klingt doch ganz gut? Naja!
Ist es nicht ohnehin eines jeden Staates Interesse, Korruption zu unterbinden!? (Wenn er natürlich so geordnet ist, wie es als rechtsstaatlich und freiheitlich von vielen westlichen Ländern für richtig angesehen wird.) Durch Korruption werden regelmäßig kleinere Beträge in private Taschen geleitet, um zu verhindern, dass größere Beträge Geld in staatliche Kassen fließt. So würde ich das mal unglaublich naiv vereinfacht darstellen. Korruption lässt sich auch mit viel Geld nicht unbedingt lösen. Okay, das war eine hohle Phrase, da sich nichts mit viel Geld lösen lässt, wenn die gute Idee fehlt. Doch für diese gute Idee braucht es auch erst einmal die Problemerkenntnis. Es wird also schrecklich kompliziert für deutsche Politiker gute Hilfe zu leisten, wenn sie keine Zeit haben, die Probleme zu erkennen und sich nur von Industriellen beraten lassen, die ganz andere als humanitäre Interessen haben. Das Problem, und das habe ich nicht selbst ausgefuchst, sondern der Politikwissenschaftlerin Salua Nour geglaubt, bestehe darin, dass es keine Beziehung zwischen der regierenden Klasse und der Bevölkerung gebe. Letztere, habe weder die geistige, durch Bildung gegebene, noch die finanzielle Kapazität, der ersteren ein Gegengewicht zu sein. Die regierenden Millionäre und Schwerstverbrecher, die, um eine Demokratie zu animieren, abwechselnd die Macht inne haben, geben das Geld auf Wunsch der Geberstaaten vielfach für den War on Terror, also in Rüstung aus, nicht um Infrastruktur aufzubauen. In besseren Fällen wird das Geld in staatliche Unternehmen investiert, diese bringen jedoch nicht unbedingt Rendite, mit denen der Staat dringend benötigte Infrastruktur aufbauen könnte. Daher sind die Staatsunternehmen nicht langfristig geeignet, eine stabile Wirtschaft aufzubauen.
Apropos Wirtschaft, neben mangelnder Bildung, das zweite Problem, warum die Gesellschaft keine nennenswerte Stimme gegen die Politik erheben kann. Neben dem Wirtschaften der Staatsunternehmen bringt auch das Wirtschaften im informellen Sektor (43% der Beschäftigten) lediglich das Brot von der Hand in den Mund, aber kein Geld in die Staatskasse. Auch ausländische Unternehmen, vornehmlich dabei die Rohstoffe aus den Bergen zu buddeln, hinterlassen keine Gewinne, die in Infrastruktur investiert werden könnten. Der industrielle Zweig einschließlich des Handwerkes kommt gerade mal auf 5% Beschäftigung, müsste aber dringend wachsen, um langfristig Tansania und die Bevölkerung auch durch Infrastrukturbau unabhängig zu machen. Unabhängig von ausländischen, Status quo erhaltenden Entwicklungsmaßnahmen.

Status quo erhaltende Entwicklungshilfe ist leider nicht eine Quadratur des Kreises, wie der Begriff es vermuten lässt, sondern die Gegenwart. Einige NGOs leisten humanitäre Hilfe, indem sie die Wasserversorgung sicherstellen. Sie erhalten also den Status der Menschen und verhindern die Entwicklung zum Tode. Geneigte:r Leser:in, ich gestatte dir diese diese zynische Anmerkung geflissentlich zu überlesen, wenn sie nicht zur bitteren Heiterkeit, sondern zum Brechreiz führt. Andere NGOs leisten Arbeit in Verwaltungen des täglichen Lebens. Sie stützen also die regierenden Millionäre und Schwerstverbrecher, wie die Personen in Nours Schublade "afrikanische Regierenden" abgestempelt sind. Wer auch immer der Regierende ist, es wird nur der gegenwärtige Zustand gefestigt, von Entwicklung also, kann nicht die Rede sein.
Wir müssen leider erkennen, auch die Entwicklungshilfe ist gefangen in der Ideologie unserer Überlegenheit. Wir Geberländer von Entwicklungsgeldern geben die Regeln von Good Governance und bestimmen damit, wer Geld bekommt. Aber durchschaut, was das Problem ist, haben wir nicht. Zwar hat das mit den Absatzmärkten 1900 noch nicht geklappt, doch wie sieht es heute mit billigem Hühnchenfleisch aus, was den afrikanischen Markt flutet, und den dortigen Markt zum Konkurs führt?

Epilog

An der anfänglichen Auseinanderstetzung mit dem Nationalsozialismus und dem 2. Weltkrieg führt in Deutschland, in den meisten europäischen Staaten kaum ein Weg vorbei. Doch wer setzt sich mit dem Kolonialismus auseinander? Ist nicht diese auch eine Erfahrung, die alle Staaten Europas teilen, die Sie gemeinsam reflektieren könnten um Lehren daraus zu ziehen? Von mir gibt‘s auf diese Frage ein entschiedenes Ja! Sollte ich recht haben mit meiner These, des kontinuierlichen Überlegenheitsgefühls, so besteht in der Auseinandersetzung die Chance auf die Erkenntnis dieses. So konnte ich es bei mir durch die Recherche für diesen Essay beobacheten. Und ich denke, dass ich durch mein FSJ generell, sehr viel präziser reflektieren werden kann, inwiefern kolonialistisches Denken in mir selbst lebt. Das egoistische Unterfangen nach Tansania, auf geistige Beutejagd zu gehen, mein Erfahrungsschatz zu bereichern, wie wir einst unsere Kunstsammlungen bereicherten, das kann ich zumindest in Ansätzen damit entschuldigen, dass ich die Sicht und Lebensrealität einiger Tansanen teilen werde. Und diese Erfahrungen wiederum mit euch teilen können werde.

Referenzen

Ihr habt Fragen oder Rückmeldung zu dem Essay?
dann schreibt mir gerne an blogs(at)fsj-tansania.de